Wenn Kinder Fragen über den Tod stellen

Mama, wann wirst du sterben? Friert die Oma nicht in dem kalten Grab? Wann kommt Opa denn nun wieder? Kinder stellen manchmal unglaubliche und manchmal ganz pragmatische Fragen. Was Sie antworten können und was Kinder wirklich brauchen – ein Ratgeber.

Kinder sind von Natur aus sehr neugierig. Sie wollen erfahren, wie die Dinge des Lebens funktionieren und stellen manchmal ganz unvermittelt Fragen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Ab dem Vorschulalter von etwa drei bis vier Jahren ist es ganz normal, dass manche Kinder beginnen, sich auch für den Tod zu interessieren. Gerade Fragen zu Sterben, Tod und Trauer sind jedoch nicht immer leicht zu beantworten und können selbst Erwachsene stark verunsichern. Lesen Sie hier ein paar Anregungen und Tipps, wie Sie möglichen Fragen begegnen können:

Mama, wann wirst du sterben?

Auf so eine Frage können Sie ganz ehrlich und pragmatisch mit einem „Ich weiß es nicht“ oder „Das weiß niemand so genau“ antworten. Schließlich wissen Sie es wirklich nicht und keiner von uns wird je in der Lage sein, in die Zukunft zu sehen. Aber Sie können Ihrem Kind versichern, dass Sie noch lange nicht sterben wollen, noch ganz, ganz lange für es da sein möchten und beispielsweise erleben wollen, wie es groß wird und später selber einmal Kinder hat. So können Sie Ihr Kind bestärken, dass es sich jetzt keine Sorgen um Ihren Tod machen muss und geben nach einer eher sachlichen noch eine liebevolle Antwort.

Friert die Oma nicht in dem kalten Grab?

Fragen nach dem Empfinden eines Verstorbenen können Sie gut erklären, indem Sie bei den Körperfunktionen ansetzen und klar sagen, was „tot sein“ bedeutet: „Das Herz der Oma schlägt nicht mehr und sie atmet oder bewegt sich auch nicht mehr.“ Sie können Kindern damit vermitteln, dass ein toter Körper aufgehört hat zu funktionieren, nicht mehr frieren und sich die Oma zum Beispiel auch nicht mehr fürchten oder Sorgen machen kann. Sagen Sie ruhig dazu, dass der Tod zum Leben dazugehört: Auch Tiere sterben und Pflanzen gehen ein. Hilfreich kann auch der Vergleich mit den vergehenden Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter sein. Ein Werden und Vergehen gehört zum Kreislauf des Lebens dazu. Das können Kinder meist sehr gut annehmen.

Wann kommt Opa denn nun wieder?

Hier sollten Sie eindeutig sagen, dass der verstorbene Opa nicht mehr wieder kommt. Auch Umschreibungen und Beschönigungen wie „Der Opa ist eingeschlafen“ oder „Er ist von uns gegangen“ sind unbedingt zu vermeiden, da sie ganz leicht missverstanden werden können und Kindern häufig Angst machen. Kinder können viel besser mit Klarheit und Wahrheit umgehen, als wenn sie unzureichende oder sogar falsche Informationen bekommen. Ganz besonders Fragen zur Endgültigkeit können Sie beispielsweise auch auf metaphorische Weise verständlicher machen: Sie können in Bildern von der Verwandlung der Raupe erzählen, die zum Schmetterling wird und davonfliegt. Auch Spielzeug kann hilfreich sein. Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Spielzeug aussortieren, es verschenken oder spenden, ist es nicht mehr da und kommt auch nicht wieder. Selbst wenn Sie dann etwas Neues zum Spielen nachkaufen, ist es nicht mehr dasselbe.

Was Kinder wirklich brauchen

Kinder denken in jedem Stadium ihrer Entwicklung anders über den Tod und stellen andere Fragen. Auch wenn kleinere Kinder den Tod noch nicht richtig verstehen können, sind sie dennoch neugierig und wollen etwas darüber erfahren. Oft nehmen Erwachsene das Interesse der Kinder am Tod nicht ernst genug. Tatsächlich brauchen Kinder Informationen und wollen erst genommen werden – und das in jedem Alter!

Hilfreiche Tipps & Tricks

  • Seien Sie offen und gehen Sie empathisch mit den Fragen Ihres Kindes um.
  • Geben Sie eindeutige, ehrliche Antworten und beschönigen Sie nichts, wenn Sie über den Tod sprechen.
  • Haben Sie Geduld und sagen Sie auch, wenn Sie etwas nicht genau beantworten können.
  • Fragen Sie unbedingt nach! Eine schöne Möglichkeit ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, was ein Kind verstanden hat, ist eine ganz einfache Frage: „Was meinst du dazu?“
  • Lesen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Bücher zum Thema Tod und Trauer.

Autorin:
Stephanie Tamm

Bild:
pexels.com/popsugar

Tod & Trauer: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?

Wie begegne ich jemanden, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen? Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte? Und warum sollte ich mich manchmal zurückhalten, Geduld haben und die eigenen Grenzen kennen?

Tod & Trauer und unser Umgang damit

Der Tod ist uns Menschen absolut sicher. Wie die Geburt gehört der Tod zum Leben dazu. Jeder von uns wird früher oder später mit diesem Thema konfrontiert. Das wissen wir alle. Und doch haben wir meist Angst vor dem Thema Tod. Jeder auf seine Weise. Vor allem haben wir häufig Berührungsängste und Scheu, mit Angehörigen, Freunden und Bekannten umzugehen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben.

Warum eigentlich? Ein wichtiger Grund liegt darin, dass die meisten von uns es schlichtweg nicht gewohnt sind, sich mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Zudem löst „der Tod“ vielfach Emotionen ins uns aus, die wir zunächst nicht einordnen können oder die wir gar nicht damit verbinden. Aber wir können lernen, damit umzugehen – insbesondere damit, wie wir Menschen Trost spenden können, die um jemanden trauern. Ein paar Tipps, an denen Sie sich orientieren können:

Wie begegne ich jemandem, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen?

Seien Sie empathisch und bleiben Sie Sie selbst! Gerade Trauernde haben ein gutes Gespür dafür, was ehrlich gemeint ist und was nur so dahingesagt wurde. Es ist vollkommen verständlich, wenn Sie selbst nicht wissen, was Sie zu einem Trauernden sagen oder wie Sie reagieren sollen, und Sie können das auch offen zeigen. Vermeiden Sie jegliche Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Kopf hoch“ und sagen Sie stattdessen so etwas wie „Ich bin gerade selbst überfordert und weiß nicht, was ich sagen soll oder wie ich Dir helfen kann.“ Oder „Mir fehlen gerade die Worte, ich kann gar nicht ausdrücken, was ich Dir gerne sagen würde.“

Nehmen Sie Menschen, die Sie näher kennen, ruhig einmal in den Arm. Körperliche Nähe kann Trost und Geborgenheit vermitteln. Bleiben Sie dabei aber so natürlich, wie mit Ihren Worten achten Sie darauf, ob Ihr Angebot bei Ihrem Gegenüber willkommen ist.

Und was ist mit Menschen, die mir nicht so nahe stehen?

Statt der traditionellen und auch ein wenig unpersönlich gewordenen Formel „Mein herzliches Beileid“ können Sie zum Beispiel gegenüber einer Nachbarin oder einer Bekannten einfach die Situation konkret benennen: „Ich habe gestern erst erfahren, dass Deine Mutter gestorben ist. Das tut mir sehr leid“.

Bei einem Arbeitskollegen, der beispielsweise eine Zeit lang nicht am Arbeitsplatz war, kann ein aufrichtig gemeintes „Schön, dass Du wieder da bist“ für den Anfang schon genügen. Sollte die trauernde Person Ihnen nicht sehr nahestehen, können Sie auch eine Karte schreiben und darin Ihre Anteilnahme ausdrücken und eventuell Ihre Unterstützung anbieten. Aber Vorsicht! Bleiben Sie auch hier immer ehrlich – vor allem zu sich selbst und sagen nur Dinge, die Sie auch wirklich einhalten können und wollen.

Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte?

Es ist völlig normal, dass Trauernde häufig und wiederholt von dem Verstorbenen und von den Erinnerungen an ihn erzählen möchten. Besonders die letzten Momente und Begegnungen, aber auch Anekdoten, gemeinsam erlebte Momente oder auch ungelöste Konflikte können dann wiederholt zur Sprache kommen. Fragen und Zweifel wie „Wieso habe ich das nicht gemerkt“ oder „Wenn ich etwas anders gemacht hätte“ sind dabei nicht ungewöhnlich.

Hören Sie hierbei geduldig zu und nehmen nichts davon persönlich. Wenn Sie eine Erzählung bereits kennen, seien Sie nachsichtig und weisen eventuell freundlich darauf hin, dass Sie die Geschichte bereits kennen. Fragen Sie sich zudem einmal selbst wie es war, als Sie vielleicht in einer Krise steckten, einen bösen Streit hatten, einen Konflikt nicht verstehen konnten oder gar Liebeskummer hatten. Erinnern Sie sich daran, wie wichtig es für Sie selbst war, darüber zu sprechen. Denken Sie daran, wie Sie wiederholt dieselben Fragen stellten, um die Situation akzeptieren zu können.

Erinnerungen miteinander teilen

Sie können es auch mit aktiven Fragen versuchen. Fragen Sie den Trauernden nach seinen Erinnerungen oder erzählen Sie doch selbst von einem Ihrer Erlebnisse mit dem Verstorbenen – so kann es auch für den Trauernden ein interessanter Denkanstoß sein, einmal die Perspektive zu wechseln.

Darüber hinaus tut es vielen Betroffenen gut zu wissen, dass auch andere Menschen den Verstorbenen in guter Erinnerung behalten. Jahrestage wie der Geburts- oder Todestag genutzt werden, um an den Verstorbenen zu denken – wir können diese Erinnerung gemeinsam mit den Angehörigen teilen und pflegen. Natürlich nur, wenn sie selbst auch das Bedürfnis danach haben und dazu bereit sind.

Meine Zurückhaltung, meine Geduld und meine eigenen Grenzen

Trauer ist keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Lebensprozess. Sie verfliegt nicht wie die schlechte Laune am Morgen oder wie der Kopfschmerz nach einem stressigen Tag. Sie ist keine ansteckende Krankheit und kann auch nicht mit einer Tablette einfach „geheilt“ werden. Trauer ist fester Bestandteil des Lebens. Und allem voran: zutiefst menschlich.

Selbst wenn wir gerne nach gewisser Zeit in den „Normalzustand“ zurückkehren möchten, hinterlässt der Tod eines geliebten Menschen immer eine Lücke die niemand, absolut niemand schließen kann. Die Trauer nach einem Verlust dauert in der Regel mehrere Jahre. Nicht selten ein Leben lang. Wie schnell oder wie langsam der Trauerprozess voranschreitet, ist bei jedem Trauernden anders. Vermeiden Sie also jede Bewertung der Situation, vermeiden Sie Druck und unterlassen Sie jede abwertende Aussage – auch wenn Sie die Situation selbst nicht nachvollziehen können.

Hilfsangebote mit Bedacht

Bei aller Anteilnahme sollte man sich niemals aufdrängen. Trauernde haben das Recht, ein Hilfsangebot abzulehnen – das sollte man niemals persönlich nehmen. Trauernde können sich immer mal wieder, auch nach Jahren, zurückziehen und haben manchmal einfach nicht die Kraft, sich auf einen Anruf zurückzumelden, oder wollen niemandem zur Last fallen. Der eine oder andere kann sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass es Hilfe für ihn gibt.

Es geht immer um die Bedürfnisse der Trauernden. Das kann schon bei einem Einkauf, einer Reparatur oder der Kinderbetreuung beginnen. Wichtig ist, dass die Trauernden selbst bestimmen, was sie gerade brauchen. Natürlich ist auch für Sie als Mittrauernde die Situation nicht einfach. Sie sollten sich darüber im Klaren sein und nichts versprechen, was Sie nicht halten können. Am besten können Sie helfen, wenn Sie einfach Sie selbst sind.

Stephanie Tamm

 

Quellen:
Paul, Chris: Keine Angst vor fremden Tränen! Trauernden begegnen. 4. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, 2018. ISBN: 978-3-579-07303-3

Foto: Pexels

Auf der anderen Seite

Bestatter gelten als Experten im Umgang mit Tod und Trauer. Sie kümmern sich um alle organisatorischen Dinge, geben Ratschläge und sind auch ein Stück weit Begleiter der Angehörigen in der schwierigsten Phase ihres Lebens. Doch vom Umfeld der Familie und Freunde bekommen sie häufig nicht so viel mit. Dies ändert sich schlagartig, wenn sie selbst betroffen sind, wenn sie plötzlich auf der anderen Seite stehen. Selbst Angehöriger oder Freund sind. Wenn sie selbst von Trauer betroffen sind. Was bringt ihnen dann ihr Wissen um den Tod und alles drumherum? Trauern sie anders? Hier erzählt Timo Krüger von seinen Erfahrungen.

“Was berührt, das bleibt.”
(Enno Bunger)

Es war ein Freitagmorgen im November 2017, als der Anruf kam. Nils war dran. „Lena ist tot“. Ich bin Bestatter. Ich bekomme jeden Tag Anrufe von Angehörigen, die mir mitteilen, dass jemand verstorben ist. Ich weiß, was dann zu tun ist. „War der Arzt schon da?“ „Möchten Sie, dass wir sofort vorbeikommen, um die Überführung durchzuführen?“ „Wir benötigen folgende Papiere von Ihnen:“ 

Doch diesmal war alles anders. Lena war meine beste Freundin. Über ein Jahr kämpfte sie gegen die Leukämie. Zwei Jahre, in denen sie und ihr Mann Nils Untragbares zu tragen hatten. Zwei Jahre, in denen sie aus allen Wolken fielen und trotzdem immer wieder aufstanden. 

Zwei Jahre voller unglaublich schwerer Zeiten und gleichzeitig voller unglaublicher Leichtigkeit, Liebe und Hoffnung.  Lena war der positivste Mensch, den ich kannte. Lena suchte – und fand – immer in allem einen Sinn. Lena war davon überzeugt, dass jeder Mensch auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen hätte, bevor er geht.

“Jeder Mensch auf Erden hat eine Aufgabe zu erfüllen”

Ihre noch junge Beziehung zu Nils hätte an der Krankheit zerbrechen können. Stattdessen schöpften beide Kraft daraus. Heirateten sogar. Man kann sich vorstellen, dass es einfach eine superemotionale und tolle Hochzeit für die Beiden und alle Beteiligten war.

Und jetzt, nur ein paar Monate später, der Anruf von Nils. Wir hatten erst vor ein paar Wochen telefoniert, als klar wurde, dass Lena den Kampf am Ende verlieren könnte. Er rief für Lena an und fragte mich irgendwas Rechtliches zur Bestattung. Die beiden gingen auch dieses Thema offensiv und nach vorne gerichtet an. Lena kämpfte bis ganz zuletzt. Bis klar war, dass es für sie keine Hoffnung mehr gab. Danach… akzeptierte sie die neue Situation und machte das Allerbeste daraus, wie sie es immer tat. Sie sorgte dafür, dass sie zuhause, im Kreise ihrer Familie, sterben konnte. Sie diktierte ihrer Mutter Abschiedsbriefe an ihre Familie und an ihre engsten Freunde. Sie besprach mit Nils, wie sie sich ihren Abschied wünschte. Und sie fragte mich, ob ich mich um die Bestattung kümmern könnte. Natürlich könnte ich. Mehr noch, ich wollte es auch unbedingt. Es ist mein Beruf. Trotzdem möchte ich keine Familienmitglieder und Freunde bestatten. Weil ich möchte, dass es ihnen gut geht. Aber ich weiß auch, dass wir alle irgendwann und irgendwie von dieser Welt gehen. 

Und dann ist das Einzige, was ich noch tun kann, einen guten Abschied zu gestalten. Ich kann die wirklich allerletzten Wünsche erfüllen. Darum wollte ich es unbedingt. Um Lena den Abschied zu ermöglichen, den sie sich gewünscht hat.

Und nun war es also soweit. Nils rief an. Ich war selbst betroffen. Musste aber meinen Job weitermachen und mich um alles kümmern, was nun eben mal zu tun ist. Lena war in Osnabrück bei ihren Eltern verstorben. Also musste ich mich um die Überführung kümmern. 

In dem Moment zahlte es sich mal wieder aus, tolle Kollegen zu haben. Zwei meiner Kolleginnen fuhren ohne zu zögern los nach Osnabrück, um Lena abzuholen. Ich wollte dann später nachkommen, hatte vorher noch eine Rede bei einer anderen Beisetzung zu halten. Der Arbeitstag verging für mich wie in einem Nebel. Bevor wir Lena abholten, zogen Nils und ihre Mutter ihr ihre Kleidung an, die sie sich selbst ausgesucht hatte. Sie wuschen sie und cremten sie ein. Am Vormittag kamen dann noch alle Freunde und Nachbarn zu ihr nach Hause, um sich von Lena zu verabschieden. Ich kam Freitag Abend bei ihren Eltern an. Da war sie schon von zu Hause abgeholt worden. Es war seltsam für mich, sie nicht noch einmal dort gesehen zu haben. Aber momentan wohl das Beste. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Moment verkraftet hätte.

Normalerweise komme ich zu Angehörigen und berate sie zu allen Fragen der Bestattung. Jedes Gespräch ist anders, nichtsdestotrotz sind im Grunde immer dieselben Fragen zu klären. Ich versuche, möglichst viel davon anzusprechen, damit wir dann auch anfangen können, die Wünsche der Familie umzusetzen. Manchmal geht das nicht auf einmal. Dann komme ich noch einmal mal wieder. Wenn es nötig ist, auch zwei-, drei-, oder viermal.

Bei Lenas Eltern merkte ich das erste Mal, wie schwierig es in dieser Situation ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Zum einen, weil unglaublich viel entschieden werden muss. Zum anderen aber auch, weil jede Entscheidung etwas Endgültiges hat. Welche Bestattungsart? Wann soll die Trauerfeier sein? Und so weiter. Jede Antwort macht dir bewusst, dass du nichts zurückdrehen und revidieren kannst. 

Dass du nun Entscheidungen treffen musst, die du nie treffen wolltest. Dass der Tod uns nicht fragt, ob er uns gerade in den Kram passt. Ich blieb das ganze Wochenende. Wir klärten ein paar Fragen, entschieden ein paar Dinge, schweiften ab in Anekdoten und Erinnerungen, gingen spazieren, lachten, weinten.

Am Montag ging es dann los mit den Formalitäten. Das Standesamt hatte geöffnet, die Friedhofsverwaltung war erreichbar. Ich musste mich um die Sterbeurkunden kümmern, einen Ort und einen Termin für die Trauerfeier finden. 

Dabei wurde mir bewusst, wie sperrig unsere Bestattungsgesetze teilweise sind. Das wusste ich zwar auch schon vorher, wurde mir als Betroffenen aber nochmals viel deutlicher. Fristen mussten eingehalten werden, was die Terminfindung für die Trauerfeier nicht einfacher machte. Außerdem kam die Bestattungspflicht für Urnen zum Zuge, die Familie hätte sich hier gerne mehr Freiheiten gewünscht.

“Am Tag der Trauerfeier funktionierte ich einfach”

Montagabend fuhr ich schließlich zurück nach Hamburg, um mich um die Trauerkarten zu kümmern. Die Trauerfeier fand eine Woche später an einem Montag in Osnabrück statt.
Zu diesem Termin fuhr ich mit meinen Kolleginnen wieder nach Osnabrück. Die Trauerfeier selbst war für mich keine Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Ich funktionierte an diesem Tag einfach. Denn ich musste mich ja darum kümmern, dass nichts schief läuft.

Heute denke ich jeden Tag an Lena. In unzähligen Situationen, bei bestimmten Liedern. Oft frage ich mich, was sie mir wohl geraten hätte. Lena war nämlich eine unschätzbare Ratgeberin. Sie half immer, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie hatte die Gabe, scheinbar komplizierte Sachverhalte genau auf den Punkt zu bringen, in einen Satz zu komprimieren, den man so auch in jedes Poesiealbum hätte schreiben können. Immer an der Grenze zum Kitsch, aber doch immer auch so wahrhaft. Das fehlt mir heute. 

Wenn ich an die Zeit ihrer Krankheit und an ihren Tod zurückdenke, so mache ich das heute in Frieden. Lena hat nichts unausgesprochen zurückgelassen. Lena hat ihre wenigen Tage auf der Erde mit unglaublich viel Leben gefüllt.

Lena hat ihren Frieden mit ihrem Schicksal gemacht und dafür gesorgt, dass es auch ihre Familie und Freunde tun können. Außerdem hat es mir dabei geholfen, meinen Beruf besser zu machen. Ich weiß heute wirklich selbst, was es bedeutet, einen so wichtigen Menschen für immer zu verlieren. Und wie wichtig ein guter Abschied ist. Und das Leben, welches wir vorher leben. Wie wir es leben. Worauf es ankommt. Was wichtig ist.

Der Musiker Enno Bunger, in dessen Band Lenas Mann Schlagzeuger ist, hat diese Zeit in seinem neuen Album verarbeitet. Der Titel lautet „Was berührt, das bleibt“. Treffender hätte Lena es nicht selbst sagen können. Lena hat berührt. Mich und alle, die sie kannten. Und darum ist sie nie fort. Solange wir noch da sind, bleibt sie bei uns.

Timo Krüger

Dieser Beitrag stammt aus unserem Hausmagazin “Seelenfrieden”.

Wie kann ich eine Trauerfeier gestalten?

Die Trauerfeier ist ein wichtiger Bestandteil beim Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Hier kommen die engsten Angehörigen und Freunde, aber auch Nachbarn und Arbeitskollegen zusammen, um den Verstorbenen ein letztes Mal in ihre Mitte zu nehmen. Sie bietet Raum für alle Gefühle, die mit der Trauer zusammenhängen. Doch was ist eigentlich eine „gute“ Trauerfeier? Wie läuft sie ab, und welche Möglichkeiten haben die Angehörigen, sie mitzugestalten?

Die Trauerfeier als wichtiger Bestandteil im Trauerprozess

Am Tage der Trauerfeier kommen häufig ein letztes Mal all die Menschen zusammen, die den Verstorbenen gekannt haben, um sein Leben zu würdigen. Hier ist Platz für die ganze Bandbreite der Emotionen, welche mit der Trauer um einen nahestehenden Menschen einhergehen. Im Anschluss findet häufig die Beisetzung im Sarg oder in der Urne statt. Die Trauergäste begleiten den Verstorbenen auf seinem „letzten Weg“. Dies ist für die Angehörigen eine wichtige Etappe, um den Tod der Person zu realisieren. 

Ablauf einer Trauerfeier

Die Trauerfeier ist ein Bruch zum Alltag der meisten Menschen. Sie sollten also erst einmal die Möglichkeit haben, anzukommen. Dies kann durch ein gemeinsames Ritual , wie zum Beispiel dem Anzünden eines Teelichtes für den Verstorbenen oder dem Essen seiner Lieblingskekse geschehen. Wichtig ist, dass das Ritual für die Trauergäste eine Bedeutung hat und in Zusammenhang mit dem Verstorbenen steht. 

Für die engsten Angehörigen kann es hilfreich sein, mit dem Bestatter gemeinsam die den Raum oder die Kapelle zu dekorieren. Sie können dabei auch persönliche Gegenstände des Verstorbenen mitbringen. Dies kann sein Lieblingsinstrument, sein bester Hammer, ihr markanter Hut, die Modelleisenbahn sein. 

Auch haben Sie die Möglichkeit, sich vor der Trauerfeier am offenen Sarg zu verabschieden. Sie können den Verstorbenen etwas mitgeben, ein Brief, ein Foto, ein Gedicht. 

Während der Trauerfeier können Sie die Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam hören. Diese kann live gespielt werden, oder von CD. Auch Familienmitglieder können Musik spielen. Sie können alle gemeinsam singen. Sie können auch etwas sagen oder etwas vorlesen. 

Die Trauerfeier kann von einem Pastor oder Pfarrer geleitet werden. Dieser richtet sich nach der jeweiligen Liturgie. Aber auch hier haben Sie in der Regel genug Möglichkeiten, die Persönlichkeit des Verstorbenen in den Mittelpunkt zu stellen. Auch die Kirchen haben die Zeichen der Zeit erkannt und wissen, dass Trauer sehr individuell ist. 

Weltliche Trauerfeier

Alternativ kann auch ein(e) weltliche(r) Redner/Rednerin die Trauerfeier leiten. Dies sind in der Regel berufliche Trauerredner. Aber auch ein Familienmitglied kann eine Rede halten. 

Die Beisetzung

Nach der Trauerfeier findet häufig die Beisetzung auf dem Friedhof statt. Es gibt Ausnahmen bei einer Feuerbestattung, wenn die Trauerfeier vor der Einäscherung stattfindet.

Beim Gang von der Trauerfeier zur Grabstelle haben Sie die Möglichkeit, die Urne des Verstorbenen zu tragen. Bei einer Erdbestattung kann auch der Sarg durch Freunde oder Verwandte getragen werden. 

Die Planung einer Trauerfeier

Die Möglichkeiten, eine Trauerfeier durchzuführen, sind vielfältig. Hierbei kann es oft helfen, wenn mehrere Familienmitglieder zusammenkommen, damit jeder seine Ideen einbringen kann. Gerne beraten wir Sie auch und können Ihnen Anregungen geben und Möglichkeiten aufzeigen.

Weitere Abschiedsrituale finden Sie außerdem hier: https://www.leverenz-bestattungen.de/wp-content/uploads/2016/06/LeverenzRituale.pdf

Timo Krüger, Bestattungen E. Leverenz GmbH

Veranstaltungshinweis: Weihnachtsgottesdienst auf dem Bergedorfer Friedhof

Am 24.12.2018 um 17.00 Uhr findet dieses Jahr erneut der musikalische Weihnachtsgottesdienst  in der Kapelle 1 des Bergedorfer Friedhofes statt:

Pastor Reinhard Stender, Seelsorger im Heinrich-Sengelmann-Haus in St. Georg, im Altenwohnheim Billwerder Bucht in Rothenburgsort und im Moosberg-Heim in Lohbrügge, hält bereits zum zweiten Mal einen Weihnachtsgottesdienst in der Kapelle 1 des Bergedorfer Friedhofes ab. Jeder ist herzlich eingeladen.

Die Kinder, der Tod und die Trauer

Der Tod eines nahestehenden Menschen gehört zu den ergreifendsten Erfahrungen im Leben eines Kindes. Wie kann man einem Kind in solch einer Situation begegnen? Mit welchen Worten den Tod erklären? Eine Hilfestellung, wie man Kinder unterstützen kann.

Was machen die da mit dem Opa? Wo geht Opa denn nun hin? Und wieso kann Opa mir denn keine Geschichte mehr vorlesen? Kindern fällt es manchmal sehr schwer, die „Welt der Großen“ nachzuvollziehen. So einschneidende Veränderungen wie der Verlust des geliebten Großvaters können viele Fragen aufwerfen und die Erwachsenen vor die Herausforderung stellen, Antworten finden zu müssen.

Das Verständnis vom Tod – eine Frage des Alters

Zunächst ist es wichtig, sich klar zu machen, dass Kinder Tod und Trauer anders erleben als Erwachsene. Je nach Altersstufe gehen sie sehr unterschiedlich damit um – was zuweilen verunsichern und irritieren kann. Damit stellt sich natürlich die Frage: Ab welchem Alter kann ein Kind denn überhaupt begreifen, dass das Leben endlich ist?

Hierauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Allerdings lassen sich folgende Zeitmarker ausmachen – natürlich immer in Abhängigkeit vom individuellen Entwicklungstand des Kindes: Bis etwa drei Jahre haben Kinder noch gar kein Verständnis davon, was der Tod bedeutet. Ab dem späten Kindergarten- und frühen Vorschulalter beginnt meist ein natürliches Interesse am Tod und die Kinder fangen an, eine Vorstellung davon zu entwickeln. Allerdings werden Tod und Schlaf hier meist noch gleichgesetzt, was häufig mit dem Glauben einhergeht, dass der Tod zwar existiert, sie selbst und die engsten Bezugspersonen jedoch nicht davon betroffen sind. Erst ab dem (fortgeschrittenen) Grundschulalter entwickeln Kinder ein Verständnis für den Tod und können dann z. B. auch verschiedene Todesursachen oder ihre eigenen Vorstellungen vom Tod benennen.

Den Tod erklären

Grundsätzlich gilt: Kinder brauchen klare Informationen und haben das Recht, zu erfahren, was wirklich geschehen ist. Sie haben ein beeindruckendes Gespür dafür, wann Erwachsene ihnen etwas verheimlichen oder unzureichende Antworten geben – selbst wenn sie es noch gar nicht so benennen können. Das Alter von etwa vier bis sechs Jahren ist eine günstige Zeit, sich dem Thema zu nähern: Ein Kinderbuch wie „Was ist das, fragt der Frosch“ oder „Leb wohl, lieber Dachs“ sind mögliche Herangehensweisen, den Tod zur Sprache zu bringen. Hilfreich ist aber auch der Vergleich mit den vergehenden Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter oder die nicht mehr gegebenen Körperfunktionen (z. B. Herzschlag, Atmung oder Motorik). Geeignete Momente, um Kindern den Tod zu erklären sind zudem eine selbst gestaltete Beerdigung eines gefundenen toten Tieres oder auch des eigenen Haustieres. Wenn dies kind- und altersgerecht erfolgt, macht es den Kindern auch keine Angst.

Beschönigungen oder Umschreibungen wie „Der Opa ist eingeschlafen“ oder „Er ist von uns gegangen“ sollten Sie vermeiden, da sie ganz leicht missverstanden werden können. Stattdessen sollten Sie ankündigen, dass Sie etwas sehr Trauriges zu sagen haben und kurz und knapp erklären: „Dein Opa Helmut ist tot. Er kann Dir keine Geschichten mehr vorlesen.“ So eine Botschaft übermitteln Sie einem Kind am besten an einem Ort und in einer Situation, in der Sie ungestört sind. Mit kurzen, klaren Aussagen erklären Sie den Tod: „Tot sein bedeutet, dass Opas Herz nicht mehr schlägt und er auch nicht mehr atmet. Opa bewegt sich auch nicht mehr, wenn du ihn berührst.“

Je nachdem wie das Kind reagiert sollten Sie nach einer kurzen Pause mit wenigen Worten auch mitteilen, wie es Ihnen selbst mit dem Verlust geht und vor allem was Sie dabei fühlen: „Ich bin sehr sehr traurig darüber, dass Opa gestorben ist und ich habe deshalb auch schon geweint.“ Betroffenheit, Traurigkeit oder eine Aussage wie „Ich selbst kann es noch gar nicht glauben“ oder „Ich werde Opa Helmut sehr vermissen“ dürfen und sollen Kinder erfahren.

Für den einen oder anderen mag das alles ungewohnt klingen. Doch Kinder können viel besser mit klaren und wahren Worten umgehen, als vielfach angenommen. Es schadet ihnen viel eher, wenn sie herausfinden, dass Erwachsene Ihnen gegenüber versuchen, die Wirklichkeit zu verschleiern oder zu verbergen. Natürlich macht der Verlust des Opas einem Kind oftmals Angst. Es dann noch spüren zu lassen, dass Sie ihm nicht die Wahrheit erzählen, lässt es im schlimmsten Fall noch ängstlicher und unsicherer werden.

Die Trauer kommt in Wellen

Ein plötzlicher Wechsel von Traurigkeit zu Aktivität, Spiel und Spaß. Sprunghaftigkeit und wechselnde Gefühlslagen – all das ist denkbar. Kinder trauern nicht in Phasen, sondern in Wellen. Sie brauchen immer mal wieder Ablenkung von ihren verschiedenen Trauergefühlen und verhalten sich völlig normal, wenn sie sich ambivalent zeigen.

Für Erwachsene kann dies irritierend sein und manchmal auch so wirken, als sei der Tod des Opas bereits gut verarbeitet oder als würde das Kind gar nicht trauern. Damit lassen Sie sich schnell täuschen. Wichtig ist, einem Kind seinen Freiraum zu lassen und es nicht dafür zu kritisieren, wie es sich nach außen hin verhält.

„Aktive“ Trauer-Rituale

Schwarz gekleidete Menschen, ernste Gesichter, düstere Stimmung. Und die Frage: „Möchtest Du Dich noch einmal von Deinem Opa verabschieden?“ Dies ist insbesondere für jüngere Kinder viel zu abstrakt. Zudem kann es stark verunsichern und ein Gefühl von Hilflosigkeit auslösen. Deshalb ist gerade für Kinder wichtig, dass sie früh mit einbezogen werden, etwas aktiv tun dürfen und an Trauer-Ritualen teilhaben:

Auf den Besuch in der Kirche oder Abschiedshalle sollten Kinder unbedingt vorbereitet werden. Dabei ist es sinnvoll, sich den entsprechenden Ort zuvor anzusehen und zu klären, wie die Trauerfeierlichkeiten ablaufen werden. Was wird dort geschehen? Wer wird dort sprechen und wer sitzt bei wem? Zudem ist es notwendig, dass das Kind den Ort jederzeit wieder verlassen kann, wenn es das möchte. Außerdem ist es bedeutend, ein Kind von einer Vertrauensperson begleiten zu lassen, die selbst nicht so stark von der Trauer betroffen ist und sich ganz auf die Bedürfnisse des Kindes einlassen kann.

Auch die persönliche Abschiednahme ist für Kinder ein guter Weg, den Tod begreifen zu können. So hilft insbesondere das „Greifen“, also das Berühren des Verstorbenen – solange es aus einem eigenen Impuls entsteht. Manche Kinder wissen nicht, ob sie den Verstorbenen überhaupt anfassen dürfen. Sie sollten unbedingt dazu ermutigt werden, das tun zu dürfen. Wertvoll ist es auch, etwas Persönliches mit in den Sarg oder zur aufgebarten Urne legen zu können: beispielsweise ein selbstgemaltes Bild, ein gebasteltes Geschenk, ein kleiner Brief oder eine eigens gepflückte Blume.

Viele „aktive“ Trauer-Rituale können auch zu Hause stattfinden. Sie können zum Beispiel gemeinsam eine Kerze in Gedenken an den verstorbenen Opa entzünden, Opas Lieblingskuchen backen, Fotos in ein Album kleben oder Erinnerungsstücke in einer kleinen Kiste sammeln, die das Kind jederzeit wieder hervorholen kann, wenn ihm danach ist. Seien Sie hier ruhig kreativ und offen – im besten Fall entwickelt das Kind auch eigene Ideen.

Unterstützung und Hilfe

Trauergefühle sind Ausdruck einer seelischen Verletzung und eine normale Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Insbesondere Kindern sollten Sie das Gefühl geben, dass es normal und völlig in Ordnung ist, wenn sie traurig sind. Neben einem stabilen sozialen Umfeld, das Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, sollten Sie immer wieder aktiv werden: gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge in der Natur, Spielen bei Freunden oder Unternehmungen mit Verwandten. Aktivitäten tun Kindern gut und schaffen zudem die zeitweise notwendige Distanz zum Trauerort – der meist das Zuhause ist.

Manchmal ist es erforderlich, professionelle Hilfe hinzuzuziehen. Gerade wenn es sich um einen plötzlichen Todesfall, um dramatische Todesumstände oder um eine angespannte familiäre Situation handelt, ist dies dringend zu empfehlen. Genauso sollten anhaltende oder sogar zunehmende Symptome wie z. B. deutliche Verhaltensänderung, Verlust der Lebensfreude oder sozialer Rückzug immer als mögliche Warnzeichen ernstgenommen werden, dass das Kind unter der gegebenen Situation leidet.

Auch für Erziehungsberechtigte kann es sinnvoll sein, sich fachlichen Rat zu holen oder sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Der Kinder- oder Hausarzt wie auch der Bestatter des Vertrauens vermitteln entsprechende Stellen und regionale Hospizvereine sowie Hilfsorganisationen bieten häufig auch nicht-therapeutische Trauergruppen oder Trauerbegleitung speziell für Kinder oder trauernde Familien an.

Kinder können einen Verlust und die damit verbundene Trauer meist gut verarbeiten, wenn Sie ihnen empathisch und liebevoll begegnen, sie kindgerecht begleiten und ihnen Hilfe anbieten. Auch in der Trauer gehen sie ihre ganz eigenen Wege – vorausgesetzt wir lassen sie und schenken Ihnen ausreichend Aufmerksamkeit, Verständnis, Geduld und Zeit. Zudem haben sie – im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen – häufig ein viel feineres Gefühl dafür, zu erkennen, was gut für sie ist und was nicht. Darin können und sollten wir viel von ihnen lernen.

Stephanie Tamm

 

Foto: Pixabay

Quellen:

www.novitas-bkk.de/kinderseeleinnot/
www.oliverjunker.de
www.kindertrauer.info
www.kindertrauer-akademie.de

Der Tod – verdrängt oder geschwätzig diskutiert?

Nicht nur in der wissenschaftlichen Debatte – auch in der (all-)täglichen medialen Auseinandersetzung wird eine Frage immer wieder kontrovers diskutiert: Ist der Tod in der modernen Gesellschaft ein verdrängtes oder doch eher ein geschwätziges Thema?

Nicht nur in der wissenschaftlichen Debatte – auch in der (all-)täglichen medialen Auseinandersetzung wird eine Frage immer wieder kontrovers diskutiert: Ist der Tod in der modernen Gesellschaft ein verdrängtes oder doch eher ein geschwätziges Thema?

Für beide Positionen lassen sich ausreichend Argumente finden. Unstrittig ist jedoch die Tatsache, dass Gesellschaften niemals starre Gebilde sind, sondern einem stetigen Wandel unterliegen. Solch ein Wandel betrifft insbesondere die Art und Weise, wie mit bestimmten Phänomenen sozial umgegangen wird. So hat im Laufe der Zeit auch das gesellschaftliche Verhältnis zu Sterben, Tod und Trauer immer wieder Veränderungen erfahren.

Dank der kontinuierlichen Verbesserungen des allgemeinen Lebensstandards ist die durchschnittliche Lebenserwartung in westlichen Industrienationen so hoch wie nie zuvor. Doch gestorben wird nach wie vor – und das in jedem Lebensalter.

Damit stellt sich jedoch auch die Frage, inwieweit der Tod in modernen Gesellschaften überhaupt noch verdrängt werden muss. Einerseits ist die Verdrängung des Wissens um die eigene Sterblichkeit eine entscheidende Voraussetzung, um ein „störungsfreies und gesundes“ Leben führen zu können. Andererseits werden das Sterben und der Tod gewissermaßen „ausgelagert“: Gestorben wird zunehmend in Krankenhäusern, Hospizen, Alten- und Pflegeheimen. Der Tod im heimischen Umfeld im Beisein der Familie wird damit mehr und mehr zur Ausnahmeerscheinung.

Der Tod als Privatsache

Stirbt ein Angehöriger dennoch zu Hause, geht es – vielfach aus Angst, Unwissenheit oder gesellschaftlicher Normen – schlicht und ergreifend darum, den Leichnam möglichst schnell wieder „unsichtbar“ zu machen, ihn nicht „ansehen“ zu müssen und (ihn stattdessen) in fachmännische Hände zu geben.

In der Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang auch von einem Erfahrungsdefizit gesprochen: Viele Menschen sind erst mit dem Verlust Ihrer Eltern oder Großeltern konfrontiert, wenn sie selbst im Erwachsenenalter sind und bereits Kinder haben. Damit verfügen Sie über damit wenig bis gar keine Erfahrungen mit dem Tod. Ist der Umgang mit dem Sterben und dem Tod dem modernen Menschen also fremd geworden und tut er sich gerade deshalb so schwer damit?

Todesfälle werden nicht nur später erlebt, sondern sind auch zu einer privaten Angelegenheit geworden. Ging das Sterben des Einzelnen früher die gesamte Gemeinde oder Gemeinschaft an, so ist heute oftmals lediglich der engste Familien- oder Freundeskreis involviert. Bezeichnenderweise wurde diese „Privatisierung des Todes“ erst durch die Moderne ermöglicht: Es entstanden Orte, in denen Privatsphäre überhaupt möglich war. Orte des Rückzugs, an denen jenseits der Öffentlichkeit Emotionen ihren Platz haben, womit wiederum auch das Erstarken von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen gegenüber der eigenen Trauer einhergeht.

Noch vor wenigen Jahren ermöglichten es gesellschaftlich fest verankerte Trauernomen wie das Trauerjahr, seine Trauer öffentlich zu zeigen – insbesondere indem vorwiegend schwarze Kleidung getragen wurde. Heute haben (derartig) verbindliche Trauernomen nachgelassen oder gelten als nicht mehr zeitgemäß.

Ambivalenzen im Umgang mit dem Tod

Dennoch lassen sich auch gegenläufige Trends ausmachen. Wer die Augen offenhält, wird immer wieder auf Veröffentlichungen von Trauer, Gedenken und Anteilnahme stoßen: Unfallkreuze an Straßenrändern, abgelegte Blumen, Kränze oder individuelle Gegenstände wie Stofftiere, Schmuck oder Bilder an öffentlichen Plätzen. Weitere Beispiele sind die stetig wachsenden virtuellen Friedhöfe für Mensch und Tier im Internet sowie spezielle Online-Gedenkportale, in denen persönliche Gedenkvideos gezeigt, virtuelle Kerzen angezündet, klassische Kondolenzen geschrieben oder Erinnerungsfotos miteinander geteilt werden können.

Auch in den gegenwärtigen (Massen-)Medien wie Fernsehen, Magazinen, Zeitungen, Videospielen und ganz besonders im Internet, genießt der Tod eine kaum übersehbare Popularität. Fraglich ist dabei ohne Zweifel, inwieweit die gezeigten Darstellungen der sozialen Wirklichkeit entsprechen oder ihr überhaupt nahekommen.

„Während sich in früheren Zeiten Familie und Nachbarn um die Versorgung und die Beisetzung kümmerten, ist dies heute den „Experten für die Verwaltung des Todes“ vorbehalten: medizinisches Personal, SeelsorgerInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, BestatterInnen, Geistliche etc. Der reale Tod ist damit nicht zur professionalisiert, sondern gleichzeitig für viele Menschen zu etwas Abstraktem geworden. Während der mediale Tod eine Art Faszination und Sensationseffekt auslöst, ist der „echte“ Tod häufig noch mit Schrecken und Grausamkeit verbunden – zumindest sobald man selbst und unmittelbar mit ihm konfrontiert ist.

Der Umgang mit Sterben, Tod und Trauer scheint insgesamt alles andere als ein Tabu zu sein und die Verdrängung des Todes aus dem sozialen Alltag ist nicht grundsätzlich für jeden zutreffend. Vielmehr gilt es, zwischen den persönlichen Lebensumständen und den kollektiven, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in einer bestimmten Zeit zu unterscheiden. Vielleicht ist es auch nur so, dass der Tod trotz des gesellschaftlichen Wandels keineswegs unwichtig geworden ist – womöglich hat er lediglich seine Erscheinungsform verändert.

Stephanie Tamm

 

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Quelle:
Studentisches Soziologiemagazin, Ausg. 1, 2012. Beitrag von Matthias Meitzler: Tot sind immer nur die anderen. S. 22-37.

Mit allen Sinnen Abschied nehmen

Bewusster Abschied – kann für jeden Menschen anders aussehen. Doch was bedeutet es eigentlich, sich bewusst von einem Verstorbenen zu verabschieden? Und warum löst der direkte Kontakt mit dem Tot bei vielen Menschen immer noch tiefstes Unbehagen aus?

Kaum etwas bewegt uns so sehr wie die Begegnung mit dem Tod. Doch kaum etwas geschieht auch so verborgen wie das Sterben. Seit der Tod zunehmend in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen eintritt, ist der direkte Kontakt zu einem Verstorbenen immer weiter aus unserem Lebensalltag verschwunden.

Oft sind es das Pflegepersonal, Ärzte, Seelsorger oder die Bestatter, die Berührungspunkte zu einem Leichnam haben und wissen, wie man einem Toten die Augen schließt, ihn richtig bettet oder wie sich ein kalter Körper anfühlt, aus dem das Leben gewichen ist. Damit besitzen sie Erfahrungen und ein Wissen, das in der breiten Bevölkerung weitgehend verloren gegangen ist.

Für viele Menschen ist die Begegnung mit einem Verstorbenen immer noch eine Ausnahmesituation, ganz zu schweigen von der Berührung eines toten Körpers. Das mag in vielerlei Hinsicht damit zu tun haben, dass die Konfrontation mit dem Tod – im Besonderen die Vorstellung vom Anblick eines Verstorbenen – mit großen Ängsten verbunden ist. Die Angst davor, sich in einer ungewohnten Situation ausgeliefert zu fühlen oder hartnäckige Gerüchte über „Leichengift“ lassen viele Menschen davor zurückschrecken, einem verstorbenen Angehörigen zu begegnen, ihn zu berühren, ihn zu versorgen oder offen aufzubahren zu lassen.

Bis in die 1950er Jahre war es ganz normal, dass ein Verstorbener durch seine Angehörigen versorgt und zu Hause oder im Trauerhaus der Gemeinde aufgebahrt wurde. Diese ehemals gängige Praxis ist einerseits fast in Vergessenheit geraten. Andererseits trägt die gegenwärtige Hospizbewegung, das Engagement vieler Bestattungsdienste und das zunehmende Interesse Angehöriger dazu bei, diese aktive Form der Trauerarbeit wieder in die gesellschaftliche Mitte zu rücken.

Sehen und begreifen was geschehen ist

Sich von einem geliebten Menschen verabschieden schmerzt – ganz gleich unter welchen Umständen oder zu welchem Zeitpunkt er gestorben ist. Für die Trauerbewältigung ist es elementar, den Schmerz zuzulassen und zu verstehen, dass der Tod wirklich eingetreten ist, das heißt den Tod überhaupt begreifen zu können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn es sich um einen plötzlichen und unerwarteten Todesfall handelt.

Mit allen Sinnen begreifen zu können, dass jemand nicht mehr lebt, bedeutet, dies nicht nur zu hören, sondern auch mit eigenen Augen zu sehen und im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“, also anzufassen. Wir nehmen Abschied von einem Menschen – die Betonung liegt dabei auf „nehmen“ als einer aktiven, bewussten Tätigkeit.

Die Tradition der Versorgung des Verstorbenen durch Angehörige und im Besonderen die offene Aufbahrung bieten für das BEGREIFEN und ABSCHIED NEHMEN einen würdevollen Rahmen und stellen keineswegs zwangsläufig eine Belastung dar. Vielmehr können diese besonderen Stunden, in denen ein geliebter Mensch verstorben ist, der Körper aber noch unter den Lebenden weilt, äußerst heilsam und eine ganz besondere, individuelle Form des Abschieds sein.

Viele Bestattungsdienste bieten Angehörigen mittlerweile die Möglichkeit, bei der Versorgung des Verstorbenen dabei zu sein oder machen Mut, den Leichnam selbst zu waschen, zu betten, einzucremen oder ihn anzukleiden. Bei einer offenen Aufbahrung hingegen hat jeder die Möglichkeit, sich auf seine eigene Art und Weise zu verabschieden. Dabei sollte grundsätzlich das getan werden, was im Moment der Trauer gut tut:

Man kann sich zu dem Verstorbenen setzen und seine Hand halten oder streicheln. Man kann ihn noch einmal berühren, ihm die Stirn küssen oder ihm noch ein paar persönliche Worte mit auf die Letzte Reise geben. Man kann eine Kerze anzünden, beten, singen, weinen, aber auch schimpfen oder einfach nur mit seinen Lieben zusammensitzen.

Dabei ist es auch hilfreich, mehrmals zu dem Verstorbenen gehen zu können und die natürlichen körperlichen Veränderungen mitzuerleben: Sehen, wie sich die Hautfarbe verändert hat. Spüren, dass der Körper kalt ist. Erkennen, dass der verstorbene Mensch nicht mehr atmet und antwortet.

Häufig besteht immer noch große Unsicherheit, ob die Beteiligung an der Versorgung des Verstorbenen oder eine offene Aufbahrung überhaupt zulässig ist. Zwar bestimmen in Deutschland vielerorts die Bestattungsgesetze den Umgang mit dem Tod und den Toten. Doch vielfach werden die gegebenen Freiheiten gar nicht vollumfänglich genutzt: Angehörige dürfen den Verstorbenen beispielsweise auch vom Krankenhaus oder Pflegeheim zu sich nach Hause bringen lassen, um ihn dort noch bei sich zu haben und umsorgen zu können. Zudem darf ein Leichnam bis zu 36 Stunden zu Hause oder in den entsprechenden Räumlichkeiten des Bestatters aufgebahrt werden.

Oftmals beginnt der eigentliche Prozess der Trauerbewältigung erst einige Zeit nach den Trauerfeierlichkeiten oder der Beisetzung. Der bewusste Abschied von einem geliebten Menschen, eingebettet in einen feierlichen wie auch persönlich festgelegten Rahmen, kann jedoch maßgeblich dazu beitragen, den ganz eigenen „guten“ Weg durch die Zeit der Trauer zu finden.

Stephanie Tamm

 

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Naturnahe Trends außerhalb der Friedhofsmauern

Flüchtig sind der Menschen Tage. Und dann? An einen Baum im Wald? Oder doch lieber auf die Ostsee? Fragen, die sich immer mehr Menschen stellen. Besonders Naturbestattungen erlangen immer mehr Bekanntheit und erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Bis vor gut zehn Jahren war der Friedhof (bis auf wenige Ausnahmen) der einzige Ort, auf dem die Toten oder ihre Aschereste beigesetzt wurden. Auch heute noch stellen Friedhöfe die wichtigsten Begräbnisplätze dar – rund 90 % der Deutschen werden auf klassischen Friedhöfen beigesetzt. Doch seit es immer mehr „alternative“ Bestattungsformen gibt, hat der Friedhof seine unumschränkte Monopolstellung eingebüßt:

Es kamen Beisetzungsformen auf, die außerhalb der herkömmlichen Friedhofsgrenzen stattfanden. Allgemein bekannt sind die Naturbestattungen, zu denen die Waldbestattung und auch die Seebestattung zählen.

Erinnerungskultur in der Natur

Seit der Jahrtausendwende lassen sich immer mehr Beisetzungen in Waldgebieten verzeichnen. 2001 entstanden hierzulande die ersten Friedwälder, gefolgt von Ruheforsten und anderen Waldarealen oder Parks, in denen Urnen beigesetzt werden.

Mittlerweile werden insgesamt etwa 2% aller Verstorbenen in der freien Natur bestattet. Ein bekanntes Beispiel in der Kategorie der Naturbestattungen in der freien Landschaft ist die Baumbestattung in entsprechenden Wäldern. Das Leitbild der Betreiberfirmen von Waldbestattungen mit Markennamen wie FriedWald® oder RuheForst® ist die Natürlichkeit, die keine Grenzen, Mauern oder dergleichen kennt. Der Baum und sein Wurzelwerk in einem (möglichst) naturbelassen Raum ist damit Grabzeichen und Grabstätte zugleich.

Die als solche belassene Umgebung des Waldes soll weitgehend erhalten bleiben und die Bestattungsplätze nur bei genauerem Hinsehen sichtbar sein. Während in der Anfangszeit der Bestattungswälder vornehmlich Nummern als Orientierungszeichen dienten, sieht man heutzutage immer häufiger auch (individuelle) Namensschilder oder -plaketten als Zeichen von Trauer, Erinnerung und Gedächtniskultur.

Anfänglich ließ sich die Baumbestattung mit den Bestattungsgesetzen der einzelnen Bundesländer nicht vereinbaren. Diese wurden jedoch allmählich entsprechend angeglichen und gelockert, sodass mittlerweile auch kommunale und kirchliche Friedhöfe Flächen für Baumbestattungen anbieten. Ein bekanntes Beispiel hierfür stellt ein Teil des Friedhofs Ohlsdorf in Hamburg als „Ruhewald“ dar. Dort kann der Bestattungsbaum auch als Ablageort für persönliche Erinnerungen oder Symbole genutzt werden.

Jenseits des Friedhofs: Über Seebestattungen

Die Beisetzung auf hoher See war ursprünglich eine hygienisch begründete Art der „Notbestattung“ für Menschen, die an Bord eines Schiffs verstorben waren. Zeitgleich mit dem Aufkommen der anonymen Bestattung erfuhr die Seebestattung ab den 1970er Jahren immer größere Akzeptanz. Seither wird sie mit kontinuierlich ansteigenden Zahlen praktiziert, kommerziell durchgeführt und hat damit neue sepulkrale Orte geschaffen.

Das Aufkommen liegt derzeit bei ca. 1%, wobei genaue Auskünfte in der Zukunft noch zu erwarten sind. Heute ist sie eine besondere Form der Natur- als auch der anonymen Bestattung. Regulär geht ihr eine Einäscherung in einem Krematorium voraus – gefolgt von der Beisetzung einer mit Sand oder Kies beschwerten, wasserlöslichen oder gar biologisch abbaubaren Urne auf hoher See.

Die Versenkung der Urne erfolgt hierzulande vornehmlich in ausgewiesenen Gebieten der Nord- und Ostseeküste. Die Seebestattung bedingt zwar eine Entbindung vom Friedhofszwang und bedarf damit einer behördlichen Genehmigung. Doch seit den frühen 2000er Jahren sind auch diese Reglementierungen faktisch novelliert worden.

Die Vielfalt von Bestattungsarten und die Dynamik der Bestattungswünsche hat in Deutschland in den letzten beiden Dekaden deutlich zugenommen – die Naturbestattungen sind nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Festzuhalten bleibt, dass der Friedhof durch andere Erinnerungsorte und -konzepte Konkurrenz bekommen hat. Unser Umgang mit den Toten spiegelt damit auch die gesellschaftlichen Wandlungs- und Entwicklungsprozesse des 21. Jahrhunderts wider.

Weiterführende Informationen

Quellen:

  • Fischer, N. (2016): Der entfesselte Friedhof. Über die Zukunft von Bestattungs- und Erinnerungsorten. In: Benkel, T. (Hg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Todes. Bielefeld, transcript, 263-281.
  • Foto: Pixabay

Himmelsbestattung – fester Bestandteil fernöstlicher Bestattungskultur

Können Sie sich vorstellen, nach Ihrem Tod wieder Teil der Natur zu werden, indem Sie sich von Aasgeiern fressen lassen? Sie finden diese Vorstellung abwegig? In einigen Regionen Zentralasiens ist die Himmelsbestattung mit Bartgeiern durchaus üblich.

„Es ist noch früh am Morgen – noch vor Sonnenaufgang. Die ‚Ragyapas‘ oder auch ‚Domden‘  genannten tibetischen Bestatter enthüllen die in traditionelle weiße Tücher gekleidete, für den Transport  sorgsam zusammengeschnürte Leiche. Der deutlich blau verfärbte Körper wird bäuchlings auf einen großen flachen Stein oder auf eine mit Kieseln aufgeschüttete Fläche gelegt. In einem kleinen Ofen werden Wachholderzweige entzündet. Rauch steigt auf.

Mit einem Messer wird dem Leichnam ein religiöses (Glücks-) Symbol in die Haut geritzt. Gebete werden gemurmelt. Immer und immer wieder. Weitere Schnitte folgen. Plötzlich scheint die Luft zu vibrieren. Angelockt durch die Rauchschwaden und den Geruch des Fleisches erscheinen einige Duzend krächzende Bartgeier am Horizont. Der Himmel des durch Gebetsfahnen abgetrennten Areals verdunkelt sich. Mit imposanten Flügelschlägen gleiten die Tiere langsam in Richtung Boden und lassen sich in gebührendem Abstand nieder.

Konzentriert und mit geübten Bewegungen befreien die tibetischen Bestatter unterdessen den Leichnam von all seinen Weichteilen. Sobald Fleisch und Knochen – soweit möglich – in Stücke zerteilt sind, wird alles den bereits wartenden Geiern überlassen.

Nach einer Weile weichen die ersten Aasfresser von der sakralen Stätte. Lediglich der Schädel des Verstorbenen und das grobe Gerüst der restlichen Wirbelsäule werden sichtbar. Die Männer gehen daraufhin zum zweiten Teil der Bestattungszeremonie über: Sie zerschlagen und zerstoßen die übrig geblieben Knochen mit einem stumpfen Hammer. Traditionell verwendetes Tsampa – geröstetes Getreidemehl – wird mit den Knochenresten vermischt und hinterlässt eine feine Nebelwolke in der Luft. Es folgt die zweite Einladung an die Gruppe der verblieben und noch nicht satt von dannen geflogenen Geier. Was bleibt, ist der vom weißen Tsampa benetzte Boden.“

 

Bartgeier als „Transporteure“ der menschlichen Seele

So oder so ähnlich könnte ein Erfahrungsbericht über eine traditionelle tibetische Himmelbestattung aussehen. Diese teilweise auch als Luftbestattung bezeichnete Art der Bestattung mag auf den einen oder anderen westlich geprägten Leser wohl mehr als befremdlich wirken. Oder gar wie ein barbarischer Akt. Wieder andere sehen darin möglicherweise eine elegante Form nach dem Ableben in den natürlichen Kreislauf des Lebens zurückzukehren – ohne Spuren zu hinterlassen.

Nicht nur im tibetischen Kulturraum, sondern auch in einigen anderen Ländern Zentralasiens sind Himmelsbestattungen seit jeher fester Bestandteil der Bestattungskultur. So insbesondere im Verbreitungsgebiet der Parsen Indiens und Pakistans oder auch in Teilen des mongolischen Steppengebiets.

Für die Parsen, die der Lehre des Zoroastrismus folgen, sind die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft heilig und dürfen nicht mit den als unrein geltenden menschlichen Leichnamen „beschmutzt“ werden. Damit verbieten sich alle in Europa geläufigen Bestattungsformen. Stattdessen gibt diese ethnisch-religiöse Gruppe ihre Toten „in die Obhut“ der heimischen Bartgeier.

Bei den verschiedenen Steppenvölkern der Mongolei entspringt die Himmelsbestattung sehr alten schamanistischen Bräuchen. Allerdings wird hier der Leichnam üblicherweise nicht zerteilt, sondern „im Ganzen“ der Natur überlassen. Damit übernehmen nicht nur die Aasgeier, sondern auch andere Wildtiere wie Wölfe einen Teil der Bestattung.

Die im Erfahrungsbericht beschriebenen, buddhistisch geprägten Tibeter verehren ihre Geier – ihre „Dakinis“ – hingegen wie Engelswesen. Durch das Vertilgen des Körpers des Verstorbenen wird dessen Seele gewissermaßen in den Himmel getragen und damit auch der Eintritt in den Kreislauf der Wiedergeburt und Erneuerung ermöglicht.

Diese Bestattungsart ist vor allem auch durch die jeweiligen geologischen und klimatischen Gegebenheiten begründet: Weder felsige Untergründe noch die gefrorenen Böden der Steppe erfüllen die Voraussetzungen für Erdbestattungen. Für das Verbrennen eines Leichnams hingegen fehlt in kargen und armen Gebirgsgegenden schlicht und ergreifend das Brennholz.

Die nähere Betrachtung der Himmelsbestattung macht zwei Dinge deutlich: Den jeweiligen kulturellen Prägungen der Menschen in Zentralasien liegen unterschiedliche, teils gegensätzliche Vorstellungen von Körper & Geist, von Glaube & Spiritualität zugrunde. Außerdem sind die jeweiligen Bestattungsmöglichkeiten immer auch wesentlich durch die örtlichen Umstände beeinflusst. Wenn wir also diese außergewöhnliche Bestattungsart betrachten – dann sollten wir berücksichtigen, dass derartige Brauchtümer immer vor dem Hintergrund eines kulturellen Gesamtkonzepts zu sehen und auch zu bewerten sind.

Stephanie Tamm

 

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Quellen:

https://www.namtso.de/tibet-infos/brauchtum.html