Wenn Kinder Fragen über den Tod stellen

Mama, wann wirst du sterben? Friert die Oma nicht in dem kalten Grab? Wann kommt Opa denn nun wieder? Kinder stellen manchmal unglaubliche und manchmal ganz pragmatische Fragen. Was Sie antworten können und was Kinder wirklich brauchen – ein Ratgeber.

Kinder sind von Natur aus sehr neugierig. Sie wollen erfahren, wie die Dinge des Lebens funktionieren und stellen manchmal ganz unvermittelt Fragen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Ab dem Vorschulalter von etwa drei bis vier Jahren ist es ganz normal, dass manche Kinder beginnen, sich auch für den Tod zu interessieren. Gerade Fragen zu Sterben, Tod und Trauer sind jedoch nicht immer leicht zu beantworten und können selbst Erwachsene stark verunsichern. Lesen Sie hier ein paar Anregungen und Tipps, wie Sie möglichen Fragen begegnen können:

Mama, wann wirst du sterben?

Auf so eine Frage können Sie ganz ehrlich und pragmatisch mit einem „Ich weiß es nicht“ oder „Das weiß niemand so genau“ antworten. Schließlich wissen Sie es wirklich nicht und keiner von uns wird je in der Lage sein, in die Zukunft zu sehen. Aber Sie können Ihrem Kind versichern, dass Sie noch lange nicht sterben wollen, noch ganz, ganz lange für es da sein möchten und beispielsweise erleben wollen, wie es groß wird und später selber einmal Kinder hat. So können Sie Ihr Kind bestärken, dass es sich jetzt keine Sorgen um Ihren Tod machen muss und geben nach einer eher sachlichen noch eine liebevolle Antwort.

Friert die Oma nicht in dem kalten Grab?

Fragen nach dem Empfinden eines Verstorbenen können Sie gut erklären, indem Sie bei den Körperfunktionen ansetzen und klar sagen, was „tot sein“ bedeutet: „Das Herz der Oma schlägt nicht mehr und sie atmet oder bewegt sich auch nicht mehr.“ Sie können Kindern damit vermitteln, dass ein toter Körper aufgehört hat zu funktionieren, nicht mehr frieren und sich die Oma zum Beispiel auch nicht mehr fürchten oder Sorgen machen kann. Sagen Sie ruhig dazu, dass der Tod zum Leben dazugehört: Auch Tiere sterben und Pflanzen gehen ein. Hilfreich kann auch der Vergleich mit den vergehenden Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter sein. Ein Werden und Vergehen gehört zum Kreislauf des Lebens dazu. Das können Kinder meist sehr gut annehmen.

Wann kommt Opa denn nun wieder?

Hier sollten Sie eindeutig sagen, dass der verstorbene Opa nicht mehr wieder kommt. Auch Umschreibungen und Beschönigungen wie „Der Opa ist eingeschlafen“ oder „Er ist von uns gegangen“ sind unbedingt zu vermeiden, da sie ganz leicht missverstanden werden können und Kindern häufig Angst machen. Kinder können viel besser mit Klarheit und Wahrheit umgehen, als wenn sie unzureichende oder sogar falsche Informationen bekommen. Ganz besonders Fragen zur Endgültigkeit können Sie beispielsweise auch auf metaphorische Weise verständlicher machen: Sie können in Bildern von der Verwandlung der Raupe erzählen, die zum Schmetterling wird und davonfliegt. Auch Spielzeug kann hilfreich sein. Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Spielzeug aussortieren, es verschenken oder spenden, ist es nicht mehr da und kommt auch nicht wieder. Selbst wenn Sie dann etwas Neues zum Spielen nachkaufen, ist es nicht mehr dasselbe.

Was Kinder wirklich brauchen

Kinder denken in jedem Stadium ihrer Entwicklung anders über den Tod und stellen andere Fragen. Auch wenn kleinere Kinder den Tod noch nicht richtig verstehen können, sind sie dennoch neugierig und wollen etwas darüber erfahren. Oft nehmen Erwachsene das Interesse der Kinder am Tod nicht ernst genug. Tatsächlich brauchen Kinder Informationen und wollen erst genommen werden – und das in jedem Alter!

Hilfreiche Tipps & Tricks

  • Seien Sie offen und gehen Sie empathisch mit den Fragen Ihres Kindes um.
  • Geben Sie eindeutige, ehrliche Antworten und beschönigen Sie nichts, wenn Sie über den Tod sprechen.
  • Haben Sie Geduld und sagen Sie auch, wenn Sie etwas nicht genau beantworten können.
  • Fragen Sie unbedingt nach! Eine schöne Möglichkeit ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, was ein Kind verstanden hat, ist eine ganz einfache Frage: „Was meinst du dazu?“
  • Lesen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Bücher zum Thema Tod und Trauer.

Autorin:
Stephanie Tamm

Bild:
pexels.com/popsugar

Tod & Trauer: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?

Wie begegne ich jemanden, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen? Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte? Und warum sollte ich mich manchmal zurückhalten, Geduld haben und die eigenen Grenzen kennen?

Tod & Trauer und unser Umgang damit

Der Tod ist uns Menschen absolut sicher. Wie die Geburt gehört der Tod zum Leben dazu. Jeder von uns wird früher oder später mit diesem Thema konfrontiert. Das wissen wir alle. Und doch haben wir meist Angst vor dem Thema Tod. Jeder auf seine Weise. Vor allem haben wir häufig Berührungsängste und Scheu, mit Angehörigen, Freunden und Bekannten umzugehen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben.

Warum eigentlich? Ein wichtiger Grund liegt darin, dass die meisten von uns es schlichtweg nicht gewohnt sind, sich mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Zudem löst „der Tod“ vielfach Emotionen ins uns aus, die wir zunächst nicht einordnen können oder die wir gar nicht damit verbinden. Aber wir können lernen, damit umzugehen – insbesondere damit, wie wir Menschen Trost spenden können, die um jemanden trauern. Ein paar Tipps, an denen Sie sich orientieren können:

Wie begegne ich jemandem, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen?

Seien Sie empathisch und bleiben Sie Sie selbst! Gerade Trauernde haben ein gutes Gespür dafür, was ehrlich gemeint ist und was nur so dahingesagt wurde. Es ist vollkommen verständlich, wenn Sie selbst nicht wissen, was Sie zu einem Trauernden sagen oder wie Sie reagieren sollen, und Sie können das auch offen zeigen. Vermeiden Sie jegliche Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Kopf hoch“ und sagen Sie stattdessen so etwas wie „Ich bin gerade selbst überfordert und weiß nicht, was ich sagen soll oder wie ich Dir helfen kann.“ Oder „Mir fehlen gerade die Worte, ich kann gar nicht ausdrücken, was ich Dir gerne sagen würde.“

Nehmen Sie Menschen, die Sie näher kennen, ruhig einmal in den Arm. Körperliche Nähe kann Trost und Geborgenheit vermitteln. Bleiben Sie dabei aber so natürlich, wie mit Ihren Worten achten Sie darauf, ob Ihr Angebot bei Ihrem Gegenüber willkommen ist.

Und was ist mit Menschen, die mir nicht so nahe stehen?

Statt der traditionellen und auch ein wenig unpersönlich gewordenen Formel „Mein herzliches Beileid“ können Sie zum Beispiel gegenüber einer Nachbarin oder einer Bekannten einfach die Situation konkret benennen: „Ich habe gestern erst erfahren, dass Deine Mutter gestorben ist. Das tut mir sehr leid“.

Bei einem Arbeitskollegen, der beispielsweise eine Zeit lang nicht am Arbeitsplatz war, kann ein aufrichtig gemeintes „Schön, dass Du wieder da bist“ für den Anfang schon genügen. Sollte die trauernde Person Ihnen nicht sehr nahestehen, können Sie auch eine Karte schreiben und darin Ihre Anteilnahme ausdrücken und eventuell Ihre Unterstützung anbieten. Aber Vorsicht! Bleiben Sie auch hier immer ehrlich – vor allem zu sich selbst und sagen nur Dinge, die Sie auch wirklich einhalten können und wollen.

Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte?

Es ist völlig normal, dass Trauernde häufig und wiederholt von dem Verstorbenen und von den Erinnerungen an ihn erzählen möchten. Besonders die letzten Momente und Begegnungen, aber auch Anekdoten, gemeinsam erlebte Momente oder auch ungelöste Konflikte können dann wiederholt zur Sprache kommen. Fragen und Zweifel wie „Wieso habe ich das nicht gemerkt“ oder „Wenn ich etwas anders gemacht hätte“ sind dabei nicht ungewöhnlich.

Hören Sie hierbei geduldig zu und nehmen nichts davon persönlich. Wenn Sie eine Erzählung bereits kennen, seien Sie nachsichtig und weisen eventuell freundlich darauf hin, dass Sie die Geschichte bereits kennen. Fragen Sie sich zudem einmal selbst wie es war, als Sie vielleicht in einer Krise steckten, einen bösen Streit hatten, einen Konflikt nicht verstehen konnten oder gar Liebeskummer hatten. Erinnern Sie sich daran, wie wichtig es für Sie selbst war, darüber zu sprechen. Denken Sie daran, wie Sie wiederholt dieselben Fragen stellten, um die Situation akzeptieren zu können.

Erinnerungen miteinander teilen

Sie können es auch mit aktiven Fragen versuchen. Fragen Sie den Trauernden nach seinen Erinnerungen oder erzählen Sie doch selbst von einem Ihrer Erlebnisse mit dem Verstorbenen – so kann es auch für den Trauernden ein interessanter Denkanstoß sein, einmal die Perspektive zu wechseln.

Darüber hinaus tut es vielen Betroffenen gut zu wissen, dass auch andere Menschen den Verstorbenen in guter Erinnerung behalten. Jahrestage wie der Geburts- oder Todestag genutzt werden, um an den Verstorbenen zu denken – wir können diese Erinnerung gemeinsam mit den Angehörigen teilen und pflegen. Natürlich nur, wenn sie selbst auch das Bedürfnis danach haben und dazu bereit sind.

Meine Zurückhaltung, meine Geduld und meine eigenen Grenzen

Trauer ist keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Lebensprozess. Sie verfliegt nicht wie die schlechte Laune am Morgen oder wie der Kopfschmerz nach einem stressigen Tag. Sie ist keine ansteckende Krankheit und kann auch nicht mit einer Tablette einfach „geheilt“ werden. Trauer ist fester Bestandteil des Lebens. Und allem voran: zutiefst menschlich.

Selbst wenn wir gerne nach gewisser Zeit in den „Normalzustand“ zurückkehren möchten, hinterlässt der Tod eines geliebten Menschen immer eine Lücke die niemand, absolut niemand schließen kann. Die Trauer nach einem Verlust dauert in der Regel mehrere Jahre. Nicht selten ein Leben lang. Wie schnell oder wie langsam der Trauerprozess voranschreitet, ist bei jedem Trauernden anders. Vermeiden Sie also jede Bewertung der Situation, vermeiden Sie Druck und unterlassen Sie jede abwertende Aussage – auch wenn Sie die Situation selbst nicht nachvollziehen können.

Hilfsangebote mit Bedacht

Bei aller Anteilnahme sollte man sich niemals aufdrängen. Trauernde haben das Recht, ein Hilfsangebot abzulehnen – das sollte man niemals persönlich nehmen. Trauernde können sich immer mal wieder, auch nach Jahren, zurückziehen und haben manchmal einfach nicht die Kraft, sich auf einen Anruf zurückzumelden, oder wollen niemandem zur Last fallen. Der eine oder andere kann sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass es Hilfe für ihn gibt.

Es geht immer um die Bedürfnisse der Trauernden. Das kann schon bei einem Einkauf, einer Reparatur oder der Kinderbetreuung beginnen. Wichtig ist, dass die Trauernden selbst bestimmen, was sie gerade brauchen. Natürlich ist auch für Sie als Mittrauernde die Situation nicht einfach. Sie sollten sich darüber im Klaren sein und nichts versprechen, was Sie nicht halten können. Am besten können Sie helfen, wenn Sie einfach Sie selbst sind.

Stephanie Tamm

 

Quellen:
Paul, Chris: Keine Angst vor fremden Tränen! Trauernden begegnen. 4. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, 2018. ISBN: 978-3-579-07303-3

Foto: Pexels

Auf der anderen Seite

Bestatter gelten als Experten im Umgang mit Tod und Trauer. Sie kümmern sich um alle organisatorischen Dinge, geben Ratschläge und sind auch ein Stück weit Begleiter der Angehörigen in der schwierigsten Phase ihres Lebens. Doch vom Umfeld der Familie und Freunde bekommen sie häufig nicht so viel mit. Dies ändert sich schlagartig, wenn sie selbst betroffen sind, wenn sie plötzlich auf der anderen Seite stehen. Selbst Angehöriger oder Freund sind. Wenn sie selbst von Trauer betroffen sind. Was bringt ihnen dann ihr Wissen um den Tod und alles drumherum? Trauern sie anders? Hier erzählt Timo Krüger von seinen Erfahrungen.

“Was berührt, das bleibt.”
(Enno Bunger)

Es war ein Freitagmorgen im November 2017, als der Anruf kam. Nils war dran. „Lena ist tot“. Ich bin Bestatter. Ich bekomme jeden Tag Anrufe von Angehörigen, die mir mitteilen, dass jemand verstorben ist. Ich weiß, was dann zu tun ist. „War der Arzt schon da?“ „Möchten Sie, dass wir sofort vorbeikommen, um die Überführung durchzuführen?“ „Wir benötigen folgende Papiere von Ihnen:“ 

Doch diesmal war alles anders. Lena war meine beste Freundin. Über ein Jahr kämpfte sie gegen die Leukämie. Zwei Jahre, in denen sie und ihr Mann Nils Untragbares zu tragen hatten. Zwei Jahre, in denen sie aus allen Wolken fielen und trotzdem immer wieder aufstanden. 

Zwei Jahre voller unglaublich schwerer Zeiten und gleichzeitig voller unglaublicher Leichtigkeit, Liebe und Hoffnung.  Lena war der positivste Mensch, den ich kannte. Lena suchte – und fand – immer in allem einen Sinn. Lena war davon überzeugt, dass jeder Mensch auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen hätte, bevor er geht.

“Jeder Mensch auf Erden hat eine Aufgabe zu erfüllen”

Ihre noch junge Beziehung zu Nils hätte an der Krankheit zerbrechen können. Stattdessen schöpften beide Kraft daraus. Heirateten sogar. Man kann sich vorstellen, dass es einfach eine superemotionale und tolle Hochzeit für die Beiden und alle Beteiligten war.

Und jetzt, nur ein paar Monate später, der Anruf von Nils. Wir hatten erst vor ein paar Wochen telefoniert, als klar wurde, dass Lena den Kampf am Ende verlieren könnte. Er rief für Lena an und fragte mich irgendwas Rechtliches zur Bestattung. Die beiden gingen auch dieses Thema offensiv und nach vorne gerichtet an. Lena kämpfte bis ganz zuletzt. Bis klar war, dass es für sie keine Hoffnung mehr gab. Danach… akzeptierte sie die neue Situation und machte das Allerbeste daraus, wie sie es immer tat. Sie sorgte dafür, dass sie zuhause, im Kreise ihrer Familie, sterben konnte. Sie diktierte ihrer Mutter Abschiedsbriefe an ihre Familie und an ihre engsten Freunde. Sie besprach mit Nils, wie sie sich ihren Abschied wünschte. Und sie fragte mich, ob ich mich um die Bestattung kümmern könnte. Natürlich könnte ich. Mehr noch, ich wollte es auch unbedingt. Es ist mein Beruf. Trotzdem möchte ich keine Familienmitglieder und Freunde bestatten. Weil ich möchte, dass es ihnen gut geht. Aber ich weiß auch, dass wir alle irgendwann und irgendwie von dieser Welt gehen. 

Und dann ist das Einzige, was ich noch tun kann, einen guten Abschied zu gestalten. Ich kann die wirklich allerletzten Wünsche erfüllen. Darum wollte ich es unbedingt. Um Lena den Abschied zu ermöglichen, den sie sich gewünscht hat.

Und nun war es also soweit. Nils rief an. Ich war selbst betroffen. Musste aber meinen Job weitermachen und mich um alles kümmern, was nun eben mal zu tun ist. Lena war in Osnabrück bei ihren Eltern verstorben. Also musste ich mich um die Überführung kümmern. 

In dem Moment zahlte es sich mal wieder aus, tolle Kollegen zu haben. Zwei meiner Kolleginnen fuhren ohne zu zögern los nach Osnabrück, um Lena abzuholen. Ich wollte dann später nachkommen, hatte vorher noch eine Rede bei einer anderen Beisetzung zu halten. Der Arbeitstag verging für mich wie in einem Nebel. Bevor wir Lena abholten, zogen Nils und ihre Mutter ihr ihre Kleidung an, die sie sich selbst ausgesucht hatte. Sie wuschen sie und cremten sie ein. Am Vormittag kamen dann noch alle Freunde und Nachbarn zu ihr nach Hause, um sich von Lena zu verabschieden. Ich kam Freitag Abend bei ihren Eltern an. Da war sie schon von zu Hause abgeholt worden. Es war seltsam für mich, sie nicht noch einmal dort gesehen zu haben. Aber momentan wohl das Beste. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Moment verkraftet hätte.

Normalerweise komme ich zu Angehörigen und berate sie zu allen Fragen der Bestattung. Jedes Gespräch ist anders, nichtsdestotrotz sind im Grunde immer dieselben Fragen zu klären. Ich versuche, möglichst viel davon anzusprechen, damit wir dann auch anfangen können, die Wünsche der Familie umzusetzen. Manchmal geht das nicht auf einmal. Dann komme ich noch einmal mal wieder. Wenn es nötig ist, auch zwei-, drei-, oder viermal.

Bei Lenas Eltern merkte ich das erste Mal, wie schwierig es in dieser Situation ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Zum einen, weil unglaublich viel entschieden werden muss. Zum anderen aber auch, weil jede Entscheidung etwas Endgültiges hat. Welche Bestattungsart? Wann soll die Trauerfeier sein? Und so weiter. Jede Antwort macht dir bewusst, dass du nichts zurückdrehen und revidieren kannst. 

Dass du nun Entscheidungen treffen musst, die du nie treffen wolltest. Dass der Tod uns nicht fragt, ob er uns gerade in den Kram passt. Ich blieb das ganze Wochenende. Wir klärten ein paar Fragen, entschieden ein paar Dinge, schweiften ab in Anekdoten und Erinnerungen, gingen spazieren, lachten, weinten.

Am Montag ging es dann los mit den Formalitäten. Das Standesamt hatte geöffnet, die Friedhofsverwaltung war erreichbar. Ich musste mich um die Sterbeurkunden kümmern, einen Ort und einen Termin für die Trauerfeier finden. 

Dabei wurde mir bewusst, wie sperrig unsere Bestattungsgesetze teilweise sind. Das wusste ich zwar auch schon vorher, wurde mir als Betroffenen aber nochmals viel deutlicher. Fristen mussten eingehalten werden, was die Terminfindung für die Trauerfeier nicht einfacher machte. Außerdem kam die Bestattungspflicht für Urnen zum Zuge, die Familie hätte sich hier gerne mehr Freiheiten gewünscht.

“Am Tag der Trauerfeier funktionierte ich einfach”

Montagabend fuhr ich schließlich zurück nach Hamburg, um mich um die Trauerkarten zu kümmern. Die Trauerfeier fand eine Woche später an einem Montag in Osnabrück statt.
Zu diesem Termin fuhr ich mit meinen Kolleginnen wieder nach Osnabrück. Die Trauerfeier selbst war für mich keine Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Ich funktionierte an diesem Tag einfach. Denn ich musste mich ja darum kümmern, dass nichts schief läuft.

Heute denke ich jeden Tag an Lena. In unzähligen Situationen, bei bestimmten Liedern. Oft frage ich mich, was sie mir wohl geraten hätte. Lena war nämlich eine unschätzbare Ratgeberin. Sie half immer, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie hatte die Gabe, scheinbar komplizierte Sachverhalte genau auf den Punkt zu bringen, in einen Satz zu komprimieren, den man so auch in jedes Poesiealbum hätte schreiben können. Immer an der Grenze zum Kitsch, aber doch immer auch so wahrhaft. Das fehlt mir heute. 

Wenn ich an die Zeit ihrer Krankheit und an ihren Tod zurückdenke, so mache ich das heute in Frieden. Lena hat nichts unausgesprochen zurückgelassen. Lena hat ihre wenigen Tage auf der Erde mit unglaublich viel Leben gefüllt.

Lena hat ihren Frieden mit ihrem Schicksal gemacht und dafür gesorgt, dass es auch ihre Familie und Freunde tun können. Außerdem hat es mir dabei geholfen, meinen Beruf besser zu machen. Ich weiß heute wirklich selbst, was es bedeutet, einen so wichtigen Menschen für immer zu verlieren. Und wie wichtig ein guter Abschied ist. Und das Leben, welches wir vorher leben. Wie wir es leben. Worauf es ankommt. Was wichtig ist.

Der Musiker Enno Bunger, in dessen Band Lenas Mann Schlagzeuger ist, hat diese Zeit in seinem neuen Album verarbeitet. Der Titel lautet „Was berührt, das bleibt“. Treffender hätte Lena es nicht selbst sagen können. Lena hat berührt. Mich und alle, die sie kannten. Und darum ist sie nie fort. Solange wir noch da sind, bleibt sie bei uns.

Timo Krüger

Dieser Beitrag stammt aus unserem Hausmagazin “Seelenfrieden”.

Der Tod – verdrängt oder geschwätzig diskutiert?

Nicht nur in der wissenschaftlichen Debatte – auch in der (all-)täglichen medialen Auseinandersetzung wird eine Frage immer wieder kontrovers diskutiert: Ist der Tod in der modernen Gesellschaft ein verdrängtes oder doch eher ein geschwätziges Thema?

Nicht nur in der wissenschaftlichen Debatte – auch in der (all-)täglichen medialen Auseinandersetzung wird eine Frage immer wieder kontrovers diskutiert: Ist der Tod in der modernen Gesellschaft ein verdrängtes oder doch eher ein geschwätziges Thema?

Für beide Positionen lassen sich ausreichend Argumente finden. Unstrittig ist jedoch die Tatsache, dass Gesellschaften niemals starre Gebilde sind, sondern einem stetigen Wandel unterliegen. Solch ein Wandel betrifft insbesondere die Art und Weise, wie mit bestimmten Phänomenen sozial umgegangen wird. So hat im Laufe der Zeit auch das gesellschaftliche Verhältnis zu Sterben, Tod und Trauer immer wieder Veränderungen erfahren.

Dank der kontinuierlichen Verbesserungen des allgemeinen Lebensstandards ist die durchschnittliche Lebenserwartung in westlichen Industrienationen so hoch wie nie zuvor. Doch gestorben wird nach wie vor – und das in jedem Lebensalter.

Damit stellt sich jedoch auch die Frage, inwieweit der Tod in modernen Gesellschaften überhaupt noch verdrängt werden muss. Einerseits ist die Verdrängung des Wissens um die eigene Sterblichkeit eine entscheidende Voraussetzung, um ein „störungsfreies und gesundes“ Leben führen zu können. Andererseits werden das Sterben und der Tod gewissermaßen „ausgelagert“: Gestorben wird zunehmend in Krankenhäusern, Hospizen, Alten- und Pflegeheimen. Der Tod im heimischen Umfeld im Beisein der Familie wird damit mehr und mehr zur Ausnahmeerscheinung.

Der Tod als Privatsache

Stirbt ein Angehöriger dennoch zu Hause, geht es – vielfach aus Angst, Unwissenheit oder gesellschaftlicher Normen – schlicht und ergreifend darum, den Leichnam möglichst schnell wieder „unsichtbar“ zu machen, ihn nicht „ansehen“ zu müssen und (ihn stattdessen) in fachmännische Hände zu geben.

In der Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang auch von einem Erfahrungsdefizit gesprochen: Viele Menschen sind erst mit dem Verlust Ihrer Eltern oder Großeltern konfrontiert, wenn sie selbst im Erwachsenenalter sind und bereits Kinder haben. Damit verfügen Sie über damit wenig bis gar keine Erfahrungen mit dem Tod. Ist der Umgang mit dem Sterben und dem Tod dem modernen Menschen also fremd geworden und tut er sich gerade deshalb so schwer damit?

Todesfälle werden nicht nur später erlebt, sondern sind auch zu einer privaten Angelegenheit geworden. Ging das Sterben des Einzelnen früher die gesamte Gemeinde oder Gemeinschaft an, so ist heute oftmals lediglich der engste Familien- oder Freundeskreis involviert. Bezeichnenderweise wurde diese „Privatisierung des Todes“ erst durch die Moderne ermöglicht: Es entstanden Orte, in denen Privatsphäre überhaupt möglich war. Orte des Rückzugs, an denen jenseits der Öffentlichkeit Emotionen ihren Platz haben, womit wiederum auch das Erstarken von Scham- und Peinlichkeitsgefühlen gegenüber der eigenen Trauer einhergeht.

Noch vor wenigen Jahren ermöglichten es gesellschaftlich fest verankerte Trauernomen wie das Trauerjahr, seine Trauer öffentlich zu zeigen – insbesondere indem vorwiegend schwarze Kleidung getragen wurde. Heute haben (derartig) verbindliche Trauernomen nachgelassen oder gelten als nicht mehr zeitgemäß.

Ambivalenzen im Umgang mit dem Tod

Dennoch lassen sich auch gegenläufige Trends ausmachen. Wer die Augen offenhält, wird immer wieder auf Veröffentlichungen von Trauer, Gedenken und Anteilnahme stoßen: Unfallkreuze an Straßenrändern, abgelegte Blumen, Kränze oder individuelle Gegenstände wie Stofftiere, Schmuck oder Bilder an öffentlichen Plätzen. Weitere Beispiele sind die stetig wachsenden virtuellen Friedhöfe für Mensch und Tier im Internet sowie spezielle Online-Gedenkportale, in denen persönliche Gedenkvideos gezeigt, virtuelle Kerzen angezündet, klassische Kondolenzen geschrieben oder Erinnerungsfotos miteinander geteilt werden können.

Auch in den gegenwärtigen (Massen-)Medien wie Fernsehen, Magazinen, Zeitungen, Videospielen und ganz besonders im Internet, genießt der Tod eine kaum übersehbare Popularität. Fraglich ist dabei ohne Zweifel, inwieweit die gezeigten Darstellungen der sozialen Wirklichkeit entsprechen oder ihr überhaupt nahekommen.

„Während sich in früheren Zeiten Familie und Nachbarn um die Versorgung und die Beisetzung kümmerten, ist dies heute den „Experten für die Verwaltung des Todes“ vorbehalten: medizinisches Personal, SeelsorgerInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, BestatterInnen, Geistliche etc. Der reale Tod ist damit nicht zur professionalisiert, sondern gleichzeitig für viele Menschen zu etwas Abstraktem geworden. Während der mediale Tod eine Art Faszination und Sensationseffekt auslöst, ist der „echte“ Tod häufig noch mit Schrecken und Grausamkeit verbunden – zumindest sobald man selbst und unmittelbar mit ihm konfrontiert ist.

Der Umgang mit Sterben, Tod und Trauer scheint insgesamt alles andere als ein Tabu zu sein und die Verdrängung des Todes aus dem sozialen Alltag ist nicht grundsätzlich für jeden zutreffend. Vielmehr gilt es, zwischen den persönlichen Lebensumständen und den kollektiven, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in einer bestimmten Zeit zu unterscheiden. Vielleicht ist es auch nur so, dass der Tod trotz des gesellschaftlichen Wandels keineswegs unwichtig geworden ist – womöglich hat er lediglich seine Erscheinungsform verändert.

Stephanie Tamm

 

Foto: Pixabay

Quelle:
Studentisches Soziologiemagazin, Ausg. 1, 2012. Beitrag von Matthias Meitzler: Tot sind immer nur die anderen. S. 22-37.