Wenn Kinder Fragen über den Tod stellen

Mama, wann wirst du sterben? Friert die Oma nicht in dem kalten Grab? Wann kommt Opa denn nun wieder? Kinder stellen manchmal unglaubliche und manchmal ganz pragmatische Fragen. Was Sie antworten können und was Kinder wirklich brauchen – ein Ratgeber.

Kinder sind von Natur aus sehr neugierig. Sie wollen erfahren, wie die Dinge des Lebens funktionieren und stellen manchmal ganz unvermittelt Fragen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Ab dem Vorschulalter von etwa drei bis vier Jahren ist es ganz normal, dass manche Kinder beginnen, sich auch für den Tod zu interessieren. Gerade Fragen zu Sterben, Tod und Trauer sind jedoch nicht immer leicht zu beantworten und können selbst Erwachsene stark verunsichern. Lesen Sie hier ein paar Anregungen und Tipps, wie Sie möglichen Fragen begegnen können:

Mama, wann wirst du sterben?

Auf so eine Frage können Sie ganz ehrlich und pragmatisch mit einem „Ich weiß es nicht“ oder „Das weiß niemand so genau“ antworten. Schließlich wissen Sie es wirklich nicht und keiner von uns wird je in der Lage sein, in die Zukunft zu sehen. Aber Sie können Ihrem Kind versichern, dass Sie noch lange nicht sterben wollen, noch ganz, ganz lange für es da sein möchten und beispielsweise erleben wollen, wie es groß wird und später selber einmal Kinder hat. So können Sie Ihr Kind bestärken, dass es sich jetzt keine Sorgen um Ihren Tod machen muss und geben nach einer eher sachlichen noch eine liebevolle Antwort.

Friert die Oma nicht in dem kalten Grab?

Fragen nach dem Empfinden eines Verstorbenen können Sie gut erklären, indem Sie bei den Körperfunktionen ansetzen und klar sagen, was „tot sein“ bedeutet: „Das Herz der Oma schlägt nicht mehr und sie atmet oder bewegt sich auch nicht mehr.“ Sie können Kindern damit vermitteln, dass ein toter Körper aufgehört hat zu funktionieren, nicht mehr frieren und sich die Oma zum Beispiel auch nicht mehr fürchten oder Sorgen machen kann. Sagen Sie ruhig dazu, dass der Tod zum Leben dazugehört: Auch Tiere sterben und Pflanzen gehen ein. Hilfreich kann auch der Vergleich mit den vergehenden Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter sein. Ein Werden und Vergehen gehört zum Kreislauf des Lebens dazu. Das können Kinder meist sehr gut annehmen.

Wann kommt Opa denn nun wieder?

Hier sollten Sie eindeutig sagen, dass der verstorbene Opa nicht mehr wieder kommt. Auch Umschreibungen und Beschönigungen wie „Der Opa ist eingeschlafen“ oder „Er ist von uns gegangen“ sind unbedingt zu vermeiden, da sie ganz leicht missverstanden werden können und Kindern häufig Angst machen. Kinder können viel besser mit Klarheit und Wahrheit umgehen, als wenn sie unzureichende oder sogar falsche Informationen bekommen. Ganz besonders Fragen zur Endgültigkeit können Sie beispielsweise auch auf metaphorische Weise verständlicher machen: Sie können in Bildern von der Verwandlung der Raupe erzählen, die zum Schmetterling wird und davonfliegt. Auch Spielzeug kann hilfreich sein. Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Spielzeug aussortieren, es verschenken oder spenden, ist es nicht mehr da und kommt auch nicht wieder. Selbst wenn Sie dann etwas Neues zum Spielen nachkaufen, ist es nicht mehr dasselbe.

Was Kinder wirklich brauchen

Kinder denken in jedem Stadium ihrer Entwicklung anders über den Tod und stellen andere Fragen. Auch wenn kleinere Kinder den Tod noch nicht richtig verstehen können, sind sie dennoch neugierig und wollen etwas darüber erfahren. Oft nehmen Erwachsene das Interesse der Kinder am Tod nicht ernst genug. Tatsächlich brauchen Kinder Informationen und wollen erst genommen werden – und das in jedem Alter!

Hilfreiche Tipps & Tricks

  • Seien Sie offen und gehen Sie empathisch mit den Fragen Ihres Kindes um.
  • Geben Sie eindeutige, ehrliche Antworten und beschönigen Sie nichts, wenn Sie über den Tod sprechen.
  • Haben Sie Geduld und sagen Sie auch, wenn Sie etwas nicht genau beantworten können.
  • Fragen Sie unbedingt nach! Eine schöne Möglichkeit ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, was ein Kind verstanden hat, ist eine ganz einfache Frage: „Was meinst du dazu?“
  • Lesen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Bücher zum Thema Tod und Trauer.

Autorin:
Stephanie Tamm

Bild:
pexels.com/popsugar

Tod & Trauer: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?

Wie begegne ich jemanden, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen? Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte? Und warum sollte ich mich manchmal zurückhalten, Geduld haben und die eigenen Grenzen kennen?

Tod & Trauer und unser Umgang damit

Der Tod ist uns Menschen absolut sicher. Wie die Geburt gehört der Tod zum Leben dazu. Jeder von uns wird früher oder später mit diesem Thema konfrontiert. Das wissen wir alle. Und doch haben wir meist Angst vor dem Thema Tod. Jeder auf seine Weise. Vor allem haben wir häufig Berührungsängste und Scheu, mit Angehörigen, Freunden und Bekannten umzugehen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben.

Warum eigentlich? Ein wichtiger Grund liegt darin, dass die meisten von uns es schlichtweg nicht gewohnt sind, sich mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Zudem löst „der Tod“ vielfach Emotionen ins uns aus, die wir zunächst nicht einordnen können oder die wir gar nicht damit verbinden. Aber wir können lernen, damit umzugehen – insbesondere damit, wie wir Menschen Trost spenden können, die um jemanden trauern. Ein paar Tipps, an denen Sie sich orientieren können:

Wie begegne ich jemandem, der trauert? Was kann ich eigentlich sagen?

Seien Sie empathisch und bleiben Sie Sie selbst! Gerade Trauernde haben ein gutes Gespür dafür, was ehrlich gemeint ist und was nur so dahingesagt wurde. Es ist vollkommen verständlich, wenn Sie selbst nicht wissen, was Sie zu einem Trauernden sagen oder wie Sie reagieren sollen, und Sie können das auch offen zeigen. Vermeiden Sie jegliche Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Kopf hoch“ und sagen Sie stattdessen so etwas wie „Ich bin gerade selbst überfordert und weiß nicht, was ich sagen soll oder wie ich Dir helfen kann.“ Oder „Mir fehlen gerade die Worte, ich kann gar nicht ausdrücken, was ich Dir gerne sagen würde.“

Nehmen Sie Menschen, die Sie näher kennen, ruhig einmal in den Arm. Körperliche Nähe kann Trost und Geborgenheit vermitteln. Bleiben Sie dabei aber so natürlich, wie mit Ihren Worten achten Sie darauf, ob Ihr Angebot bei Ihrem Gegenüber willkommen ist.

Und was ist mit Menschen, die mir nicht so nahe stehen?

Statt der traditionellen und auch ein wenig unpersönlich gewordenen Formel „Mein herzliches Beileid“ können Sie zum Beispiel gegenüber einer Nachbarin oder einer Bekannten einfach die Situation konkret benennen: „Ich habe gestern erst erfahren, dass Deine Mutter gestorben ist. Das tut mir sehr leid“.

Bei einem Arbeitskollegen, der beispielsweise eine Zeit lang nicht am Arbeitsplatz war, kann ein aufrichtig gemeintes „Schön, dass Du wieder da bist“ für den Anfang schon genügen. Sollte die trauernde Person Ihnen nicht sehr nahestehen, können Sie auch eine Karte schreiben und darin Ihre Anteilnahme ausdrücken und eventuell Ihre Unterstützung anbieten. Aber Vorsicht! Bleiben Sie auch hier immer ehrlich – vor allem zu sich selbst und sagen nur Dinge, die Sie auch wirklich einhalten können und wollen.

Wie verhalte ich mich, wenn jemand immer wieder über den Verstorbenen sprechen möchte?

Es ist völlig normal, dass Trauernde häufig und wiederholt von dem Verstorbenen und von den Erinnerungen an ihn erzählen möchten. Besonders die letzten Momente und Begegnungen, aber auch Anekdoten, gemeinsam erlebte Momente oder auch ungelöste Konflikte können dann wiederholt zur Sprache kommen. Fragen und Zweifel wie „Wieso habe ich das nicht gemerkt“ oder „Wenn ich etwas anders gemacht hätte“ sind dabei nicht ungewöhnlich.

Hören Sie hierbei geduldig zu und nehmen nichts davon persönlich. Wenn Sie eine Erzählung bereits kennen, seien Sie nachsichtig und weisen eventuell freundlich darauf hin, dass Sie die Geschichte bereits kennen. Fragen Sie sich zudem einmal selbst wie es war, als Sie vielleicht in einer Krise steckten, einen bösen Streit hatten, einen Konflikt nicht verstehen konnten oder gar Liebeskummer hatten. Erinnern Sie sich daran, wie wichtig es für Sie selbst war, darüber zu sprechen. Denken Sie daran, wie Sie wiederholt dieselben Fragen stellten, um die Situation akzeptieren zu können.

Erinnerungen miteinander teilen

Sie können es auch mit aktiven Fragen versuchen. Fragen Sie den Trauernden nach seinen Erinnerungen oder erzählen Sie doch selbst von einem Ihrer Erlebnisse mit dem Verstorbenen – so kann es auch für den Trauernden ein interessanter Denkanstoß sein, einmal die Perspektive zu wechseln.

Darüber hinaus tut es vielen Betroffenen gut zu wissen, dass auch andere Menschen den Verstorbenen in guter Erinnerung behalten. Jahrestage wie der Geburts- oder Todestag genutzt werden, um an den Verstorbenen zu denken – wir können diese Erinnerung gemeinsam mit den Angehörigen teilen und pflegen. Natürlich nur, wenn sie selbst auch das Bedürfnis danach haben und dazu bereit sind.

Meine Zurückhaltung, meine Geduld und meine eigenen Grenzen

Trauer ist keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Lebensprozess. Sie verfliegt nicht wie die schlechte Laune am Morgen oder wie der Kopfschmerz nach einem stressigen Tag. Sie ist keine ansteckende Krankheit und kann auch nicht mit einer Tablette einfach „geheilt“ werden. Trauer ist fester Bestandteil des Lebens. Und allem voran: zutiefst menschlich.

Selbst wenn wir gerne nach gewisser Zeit in den „Normalzustand“ zurückkehren möchten, hinterlässt der Tod eines geliebten Menschen immer eine Lücke die niemand, absolut niemand schließen kann. Die Trauer nach einem Verlust dauert in der Regel mehrere Jahre. Nicht selten ein Leben lang. Wie schnell oder wie langsam der Trauerprozess voranschreitet, ist bei jedem Trauernden anders. Vermeiden Sie also jede Bewertung der Situation, vermeiden Sie Druck und unterlassen Sie jede abwertende Aussage – auch wenn Sie die Situation selbst nicht nachvollziehen können.

Hilfsangebote mit Bedacht

Bei aller Anteilnahme sollte man sich niemals aufdrängen. Trauernde haben das Recht, ein Hilfsangebot abzulehnen – das sollte man niemals persönlich nehmen. Trauernde können sich immer mal wieder, auch nach Jahren, zurückziehen und haben manchmal einfach nicht die Kraft, sich auf einen Anruf zurückzumelden, oder wollen niemandem zur Last fallen. Der eine oder andere kann sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass es Hilfe für ihn gibt.

Es geht immer um die Bedürfnisse der Trauernden. Das kann schon bei einem Einkauf, einer Reparatur oder der Kinderbetreuung beginnen. Wichtig ist, dass die Trauernden selbst bestimmen, was sie gerade brauchen. Natürlich ist auch für Sie als Mittrauernde die Situation nicht einfach. Sie sollten sich darüber im Klaren sein und nichts versprechen, was Sie nicht halten können. Am besten können Sie helfen, wenn Sie einfach Sie selbst sind.

Stephanie Tamm

 

Quellen:
Paul, Chris: Keine Angst vor fremden Tränen! Trauernden begegnen. 4. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, 2018. ISBN: 978-3-579-07303-3

Foto: Pexels

Auf der anderen Seite

Bestatter gelten als Experten im Umgang mit Tod und Trauer. Sie kümmern sich um alle organisatorischen Dinge, geben Ratschläge und sind auch ein Stück weit Begleiter der Angehörigen in der schwierigsten Phase ihres Lebens. Doch vom Umfeld der Familie und Freunde bekommen sie häufig nicht so viel mit. Dies ändert sich schlagartig, wenn sie selbst betroffen sind, wenn sie plötzlich auf der anderen Seite stehen. Selbst Angehöriger oder Freund sind. Wenn sie selbst von Trauer betroffen sind. Was bringt ihnen dann ihr Wissen um den Tod und alles drumherum? Trauern sie anders? Hier erzählt Timo Krüger von seinen Erfahrungen.

“Was berührt, das bleibt.”
(Enno Bunger)

Es war ein Freitagmorgen im November 2017, als der Anruf kam. Nils war dran. „Lena ist tot“. Ich bin Bestatter. Ich bekomme jeden Tag Anrufe von Angehörigen, die mir mitteilen, dass jemand verstorben ist. Ich weiß, was dann zu tun ist. „War der Arzt schon da?“ „Möchten Sie, dass wir sofort vorbeikommen, um die Überführung durchzuführen?“ „Wir benötigen folgende Papiere von Ihnen:“ 

Doch diesmal war alles anders. Lena war meine beste Freundin. Über ein Jahr kämpfte sie gegen die Leukämie. Zwei Jahre, in denen sie und ihr Mann Nils Untragbares zu tragen hatten. Zwei Jahre, in denen sie aus allen Wolken fielen und trotzdem immer wieder aufstanden. 

Zwei Jahre voller unglaublich schwerer Zeiten und gleichzeitig voller unglaublicher Leichtigkeit, Liebe und Hoffnung.  Lena war der positivste Mensch, den ich kannte. Lena suchte – und fand – immer in allem einen Sinn. Lena war davon überzeugt, dass jeder Mensch auf Erden eine Aufgabe zu erfüllen hätte, bevor er geht.

“Jeder Mensch auf Erden hat eine Aufgabe zu erfüllen”

Ihre noch junge Beziehung zu Nils hätte an der Krankheit zerbrechen können. Stattdessen schöpften beide Kraft daraus. Heirateten sogar. Man kann sich vorstellen, dass es einfach eine superemotionale und tolle Hochzeit für die Beiden und alle Beteiligten war.

Und jetzt, nur ein paar Monate später, der Anruf von Nils. Wir hatten erst vor ein paar Wochen telefoniert, als klar wurde, dass Lena den Kampf am Ende verlieren könnte. Er rief für Lena an und fragte mich irgendwas Rechtliches zur Bestattung. Die beiden gingen auch dieses Thema offensiv und nach vorne gerichtet an. Lena kämpfte bis ganz zuletzt. Bis klar war, dass es für sie keine Hoffnung mehr gab. Danach… akzeptierte sie die neue Situation und machte das Allerbeste daraus, wie sie es immer tat. Sie sorgte dafür, dass sie zuhause, im Kreise ihrer Familie, sterben konnte. Sie diktierte ihrer Mutter Abschiedsbriefe an ihre Familie und an ihre engsten Freunde. Sie besprach mit Nils, wie sie sich ihren Abschied wünschte. Und sie fragte mich, ob ich mich um die Bestattung kümmern könnte. Natürlich könnte ich. Mehr noch, ich wollte es auch unbedingt. Es ist mein Beruf. Trotzdem möchte ich keine Familienmitglieder und Freunde bestatten. Weil ich möchte, dass es ihnen gut geht. Aber ich weiß auch, dass wir alle irgendwann und irgendwie von dieser Welt gehen. 

Und dann ist das Einzige, was ich noch tun kann, einen guten Abschied zu gestalten. Ich kann die wirklich allerletzten Wünsche erfüllen. Darum wollte ich es unbedingt. Um Lena den Abschied zu ermöglichen, den sie sich gewünscht hat.

Und nun war es also soweit. Nils rief an. Ich war selbst betroffen. Musste aber meinen Job weitermachen und mich um alles kümmern, was nun eben mal zu tun ist. Lena war in Osnabrück bei ihren Eltern verstorben. Also musste ich mich um die Überführung kümmern. 

In dem Moment zahlte es sich mal wieder aus, tolle Kollegen zu haben. Zwei meiner Kolleginnen fuhren ohne zu zögern los nach Osnabrück, um Lena abzuholen. Ich wollte dann später nachkommen, hatte vorher noch eine Rede bei einer anderen Beisetzung zu halten. Der Arbeitstag verging für mich wie in einem Nebel. Bevor wir Lena abholten, zogen Nils und ihre Mutter ihr ihre Kleidung an, die sie sich selbst ausgesucht hatte. Sie wuschen sie und cremten sie ein. Am Vormittag kamen dann noch alle Freunde und Nachbarn zu ihr nach Hause, um sich von Lena zu verabschieden. Ich kam Freitag Abend bei ihren Eltern an. Da war sie schon von zu Hause abgeholt worden. Es war seltsam für mich, sie nicht noch einmal dort gesehen zu haben. Aber momentan wohl das Beste. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Moment verkraftet hätte.

Normalerweise komme ich zu Angehörigen und berate sie zu allen Fragen der Bestattung. Jedes Gespräch ist anders, nichtsdestotrotz sind im Grunde immer dieselben Fragen zu klären. Ich versuche, möglichst viel davon anzusprechen, damit wir dann auch anfangen können, die Wünsche der Familie umzusetzen. Manchmal geht das nicht auf einmal. Dann komme ich noch einmal mal wieder. Wenn es nötig ist, auch zwei-, drei-, oder viermal.

Bei Lenas Eltern merkte ich das erste Mal, wie schwierig es in dieser Situation ist, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Zum einen, weil unglaublich viel entschieden werden muss. Zum anderen aber auch, weil jede Entscheidung etwas Endgültiges hat. Welche Bestattungsart? Wann soll die Trauerfeier sein? Und so weiter. Jede Antwort macht dir bewusst, dass du nichts zurückdrehen und revidieren kannst. 

Dass du nun Entscheidungen treffen musst, die du nie treffen wolltest. Dass der Tod uns nicht fragt, ob er uns gerade in den Kram passt. Ich blieb das ganze Wochenende. Wir klärten ein paar Fragen, entschieden ein paar Dinge, schweiften ab in Anekdoten und Erinnerungen, gingen spazieren, lachten, weinten.

Am Montag ging es dann los mit den Formalitäten. Das Standesamt hatte geöffnet, die Friedhofsverwaltung war erreichbar. Ich musste mich um die Sterbeurkunden kümmern, einen Ort und einen Termin für die Trauerfeier finden. 

Dabei wurde mir bewusst, wie sperrig unsere Bestattungsgesetze teilweise sind. Das wusste ich zwar auch schon vorher, wurde mir als Betroffenen aber nochmals viel deutlicher. Fristen mussten eingehalten werden, was die Terminfindung für die Trauerfeier nicht einfacher machte. Außerdem kam die Bestattungspflicht für Urnen zum Zuge, die Familie hätte sich hier gerne mehr Freiheiten gewünscht.

“Am Tag der Trauerfeier funktionierte ich einfach”

Montagabend fuhr ich schließlich zurück nach Hamburg, um mich um die Trauerkarten zu kümmern. Die Trauerfeier fand eine Woche später an einem Montag in Osnabrück statt.
Zu diesem Termin fuhr ich mit meinen Kolleginnen wieder nach Osnabrück. Die Trauerfeier selbst war für mich keine Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Ich funktionierte an diesem Tag einfach. Denn ich musste mich ja darum kümmern, dass nichts schief läuft.

Heute denke ich jeden Tag an Lena. In unzähligen Situationen, bei bestimmten Liedern. Oft frage ich mich, was sie mir wohl geraten hätte. Lena war nämlich eine unschätzbare Ratgeberin. Sie half immer, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie hatte die Gabe, scheinbar komplizierte Sachverhalte genau auf den Punkt zu bringen, in einen Satz zu komprimieren, den man so auch in jedes Poesiealbum hätte schreiben können. Immer an der Grenze zum Kitsch, aber doch immer auch so wahrhaft. Das fehlt mir heute. 

Wenn ich an die Zeit ihrer Krankheit und an ihren Tod zurückdenke, so mache ich das heute in Frieden. Lena hat nichts unausgesprochen zurückgelassen. Lena hat ihre wenigen Tage auf der Erde mit unglaublich viel Leben gefüllt.

Lena hat ihren Frieden mit ihrem Schicksal gemacht und dafür gesorgt, dass es auch ihre Familie und Freunde tun können. Außerdem hat es mir dabei geholfen, meinen Beruf besser zu machen. Ich weiß heute wirklich selbst, was es bedeutet, einen so wichtigen Menschen für immer zu verlieren. Und wie wichtig ein guter Abschied ist. Und das Leben, welches wir vorher leben. Wie wir es leben. Worauf es ankommt. Was wichtig ist.

Der Musiker Enno Bunger, in dessen Band Lenas Mann Schlagzeuger ist, hat diese Zeit in seinem neuen Album verarbeitet. Der Titel lautet „Was berührt, das bleibt“. Treffender hätte Lena es nicht selbst sagen können. Lena hat berührt. Mich und alle, die sie kannten. Und darum ist sie nie fort. Solange wir noch da sind, bleibt sie bei uns.

Timo Krüger

Dieser Beitrag stammt aus unserem Hausmagazin “Seelenfrieden”.

Wie kann ich eine Trauerfeier gestalten?

Die Trauerfeier ist ein wichtiger Bestandteil beim Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Hier kommen die engsten Angehörigen und Freunde, aber auch Nachbarn und Arbeitskollegen zusammen, um den Verstorbenen ein letztes Mal in ihre Mitte zu nehmen. Sie bietet Raum für alle Gefühle, die mit der Trauer zusammenhängen. Doch was ist eigentlich eine „gute“ Trauerfeier? Wie läuft sie ab, und welche Möglichkeiten haben die Angehörigen, sie mitzugestalten?

Die Trauerfeier als wichtiger Bestandteil im Trauerprozess

Am Tage der Trauerfeier kommen häufig ein letztes Mal all die Menschen zusammen, die den Verstorbenen gekannt haben, um sein Leben zu würdigen. Hier ist Platz für die ganze Bandbreite der Emotionen, welche mit der Trauer um einen nahestehenden Menschen einhergehen. Im Anschluss findet häufig die Beisetzung im Sarg oder in der Urne statt. Die Trauergäste begleiten den Verstorbenen auf seinem „letzten Weg“. Dies ist für die Angehörigen eine wichtige Etappe, um den Tod der Person zu realisieren. 

Ablauf einer Trauerfeier

Die Trauerfeier ist ein Bruch zum Alltag der meisten Menschen. Sie sollten also erst einmal die Möglichkeit haben, anzukommen. Dies kann durch ein gemeinsames Ritual , wie zum Beispiel dem Anzünden eines Teelichtes für den Verstorbenen oder dem Essen seiner Lieblingskekse geschehen. Wichtig ist, dass das Ritual für die Trauergäste eine Bedeutung hat und in Zusammenhang mit dem Verstorbenen steht. 

Für die engsten Angehörigen kann es hilfreich sein, mit dem Bestatter gemeinsam die den Raum oder die Kapelle zu dekorieren. Sie können dabei auch persönliche Gegenstände des Verstorbenen mitbringen. Dies kann sein Lieblingsinstrument, sein bester Hammer, ihr markanter Hut, die Modelleisenbahn sein. 

Auch haben Sie die Möglichkeit, sich vor der Trauerfeier am offenen Sarg zu verabschieden. Sie können den Verstorbenen etwas mitgeben, ein Brief, ein Foto, ein Gedicht. 

Während der Trauerfeier können Sie die Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam hören. Diese kann live gespielt werden, oder von CD. Auch Familienmitglieder können Musik spielen. Sie können alle gemeinsam singen. Sie können auch etwas sagen oder etwas vorlesen. 

Die Trauerfeier kann von einem Pastor oder Pfarrer geleitet werden. Dieser richtet sich nach der jeweiligen Liturgie. Aber auch hier haben Sie in der Regel genug Möglichkeiten, die Persönlichkeit des Verstorbenen in den Mittelpunkt zu stellen. Auch die Kirchen haben die Zeichen der Zeit erkannt und wissen, dass Trauer sehr individuell ist. 

Weltliche Trauerfeier

Alternativ kann auch ein(e) weltliche(r) Redner/Rednerin die Trauerfeier leiten. Dies sind in der Regel berufliche Trauerredner. Aber auch ein Familienmitglied kann eine Rede halten. 

Die Beisetzung

Nach der Trauerfeier findet häufig die Beisetzung auf dem Friedhof statt. Es gibt Ausnahmen bei einer Feuerbestattung, wenn die Trauerfeier vor der Einäscherung stattfindet.

Beim Gang von der Trauerfeier zur Grabstelle haben Sie die Möglichkeit, die Urne des Verstorbenen zu tragen. Bei einer Erdbestattung kann auch der Sarg durch Freunde oder Verwandte getragen werden. 

Die Planung einer Trauerfeier

Die Möglichkeiten, eine Trauerfeier durchzuführen, sind vielfältig. Hierbei kann es oft helfen, wenn mehrere Familienmitglieder zusammenkommen, damit jeder seine Ideen einbringen kann. Gerne beraten wir Sie auch und können Ihnen Anregungen geben und Möglichkeiten aufzeigen.

Weitere Abschiedsrituale finden Sie außerdem hier: https://www.leverenz-bestattungen.de/wp-content/uploads/2016/06/LeverenzRituale.pdf

Timo Krüger, Bestattungen E. Leverenz GmbH

Trauer und Trauerbewältigung: Fünf hartnäckige Mythen der Moderne

Ein Verlust bedeutet immer starke emotionale Belastung und Trauer verläuft in Phasen? Spätestens nach einem Jahr ist die Trauerzeit vorbei und man muss sich unbedingt emotional von dem Verstorbenen trennen? Ein Beitrag dazu, zähe Mythen zu entkräften.

Es existieren viele Trauerformen und -konventionen nebeneinander und es lässt sich schlichtweg nicht sagen, welcher Umgang mit Trauer „normal und gesund“ oder „nicht normal und ungesund“ ist. Vielleicht existieren auch gerade deshalb zum Teil einseitige und gänzlich falsche Annahmen zu Trauer und Trauerverarbeitung.

Einige dieser Annahmen und Mythen haben sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt und gehören sozusagen zum gesellschaftlichen Regelwerk. Fünf der vielleicht hartnäckigsten Trauer-Mythen greifen wir hier auf und zeigen, dass es sich um unzutreffenden Ansichten, Klischees oder auch Stereotypen handelt:

Mythos Nr. 1: Eine Verlusterfahrung geht immer mit einer intensiven emotionalen Belastung einher. Trauer muss dann „rausgelassen“ werden, sonst wird man krank.

Es wird häufig angenommen, dass ein Verlust unvermeidlich immer ein großes Ausmaß an Verzweiflung und emotionaler Belastung hervorruft. Fehlt solch eine „richtige“ Trauerreaktion, wird in unserer Gesellschaft leicht ein pathologischer Zustand vermutet. Dabei wird oft davon ausgegangen, dass Trauer zwangsläufig zu einem späteren, meist unerwarteten Zeitpunkt auftaucht und zu problematischen Entwicklungen führt.

Die Trauerforschung kann das nicht bestätigen. Längst nicht alle Menschen erleben den Trauerschmerz gleich intensiv. Niemand muss zwangsläufig durch „das Tal der Tränen“ gehen, um später normal weiterleben zu können. Zudem sollten wir uns auch keine Sorgen machen, wenn wir unserer Trauer nicht unmittelbar nach dem Verlust Ausdruck verleihen können oder nicht so tief betroffen sind, wie wir womöglich glauben, sein zu müssen.

Weinen gehört dazu – und Freude empfinden nicht?

Weinen wird häufig als typische emotionale Reaktion auf eine Verlusterfahrung wahrgenommen. Doch Traurigsein und Weinen sind längst nicht die einzigen Trauergefühle: Häufig kommen Angst, Ärger, Wut, Sehnsucht und auch Scham hinzu. Nichts selten ist jemand in Trauer gar nicht in der Lage, seine Gefühle (bewusst) zu erleben. Man ist sozusagen emotional völlig überschwemmt und manchmal auch erst nach längerer Zeit fähig, die eigenen Empfindungen wahrzunehmen.

Trauer ist immer individuell, sie ist weder statisch, noch folgt sie einem konkreten Ablauf. Die Bandbreite möglicher Gefühlsreaktionen reicht in der Trauer von leichter Betroffenheit bis hin zum psychischen Ausnahmezustand. Auch ist es eine Fehlannahme, wenn wir davon ausgehen, dass eine Verlusterfahrung die Fähigkeit verringert, Freude zu empfinden. Keine Freude mehr zu zeigen und nicht mehr zu lachen, hat bedauerlicherweise viel eher mit (vermeintlichen) kulturellen Normen zu tun und weniger mit dem persönlichen Verlust.

Mythos Nr. 2: Trauer muss „durgearbeitet“ werden – ohne „Trauerarbeit“ geht es nicht

Es ist grundsätzlich sinnvoll, sich nach einer Veränderung im Leben emotional damit zu beschäftigen und darüber zu reflektieren. Doch der Begriff „Trauerarbeit“ wird meist mit der Annahme in Verbindung gebracht, dass Menschen sich bewusst mit (schmerzhaften) Trauergefühlen und Gedanken auseinandersetzen müssen, damit sie „bearbeitet“ und überwunden werden können.

Auch hier existieren in Fachkreisen gegenteilige Erkenntnisse:  Es lässt sich nicht belegen, dass Menschen, die sogenannte Trauerarbeit leisten, ihren Verlust besser verarbeiten als diejenigen, die ihre Gefühle eher unterdrücken.

Es ist vielmehr so, dass ein stetiger Wechsel zwischen bewusster Trauer und einer Orientierung auf neue Lebensziele als günstigste Strategie gilt. Sich also immer mal wieder von seiner Trauer ablenken, um sich auf das Leben einzustellen zu können, das vor einem liegt – ähnlich wie Kinder es können und in aller Regel ganz von selbst tun.

Eine Konfrontation mit der eigenen Trauer ist hingegen nur dann sinnvoll, wenn jemand den Schmerz über eine längere Zeit aktiv vermeidet, sich gar in Illusionen verliert und den Verlust nicht akzeptieren kann. Solch ein Zustand sollte dann auch professionell begleitet werden.

Mythos Nr. 3: Trauer verläuft in Phasen

Die immer noch weit verbreitete Annahme, dass Trauer in einer festen Abfolge von Phasen verläuft, ist schlicht überholt. Viele Trauernde erleben zweifelsfrei Zustände, die solchen Phasen entsprechen und die Existenz dieser Phasenmodelle kann zumindest als grobe Orientierungshilfe dienen. Anstelle eines gradlinigen Ablaufs erleben viele Trauernde allerdings eher das Hin- und Herpendeln zwischen verschieden Gefühlslagen und eigenen Aspekten und Themen im Leben, die durch den Verlust betroffen sind.

Die größte Schwäche der Theorie der Trauerphasen besteht jedoch darin, dass sie Normen setzt und Trauernden, Angehörigen und potentiell Helfenden völlig falsche Vorstellungen davon vermittelt, wie Trauer und Trauerbewältigung verlaufen – oder zu verlaufen haben.

Mythos Nr. 4: Die Zeit der Trauer ist begrenzt und ungefähr nach einem Jahr abgeschlossen

Die Auffassung, Trauerzeit ließe sich über eine bestimmte Zeitspanne definieren, hält sich hartnäckig. Das sogenannte Trauerjahr gab es schon im antiken Römischen Reich, ist allerdings lediglich eine gesellschaftliche Norm und hat wenig mit tatsächlicher Trauer und Trauerbewältigung zu tun.

Mittlerweile ist sich auch die Trauerforschung einig, dass Trauerreaktionen deutlich länger andauern können, als ein Jahr. Vielmehr trauern Menschen besonders nach einem schweren Verlust wie z. B. des Ehepartners oder des eigenen Kindes nicht selten noch viele Jahre, Jahrzehnte oder ein ganzes Leben lang.

Das bedeutet nicht, Trauergefühle wären stetig gleichbleibend. Sie verändern sich im besten Fall, werden weniger und werden Teil des eigenen Lebens. Damit gilt es nochmals zu betonen: Trauer ist eine individuelle Angelegenheit und hat viele Gesichter. Und gerade deshalb dürfen Aussagen darüber keine Zeitvorgaben enthalten oder vermitteln.

Mythos Nr. 5: Man muss sich emotional von dem Verstorbenen trennen

Die vermeintliche Notwendigkeit, sich nach dem Tod eines Menschen emotional von ihm lösen zu müssen, beruht auf der lange Zeit vorherrschenden Lehrmeinung, dass fortbestehende Bindungen zum Verstorbenen langfristig pathologisch sind. Inzwischen wird jedoch immer mehr anerkannt, dass Hinterbliebene ein ganz natürliches Bedürfnis haben, fortwährend eine Bindung aufrecht zu erhalten – allerdings sollte dies auf bestimmte Art und Weise geschehen:

Die Beziehung zu einem geliebten Menschen ist nach dessen Tod nicht einfach vorüber. Daher ist es wichtig, die Beziehung neu zu definieren. Eine enorm wichtige Funktion von Trauer ist es nämlich, die gemeinsame Zeit mit dem Verstorbenen in die eigene Biographie zu integrieren – die Vergangenheit und das Jetzt anzuerkennen, als etwas, das nun zu einem gehört.

So eine Neudefinition der Beziehung schützt auch davor, dass extreme emotionale Belastungen, wie z. B. ungeklärte Konflikte mit dem Verstorbenen oder gar traumatische Erfahrungen durch möglicherweise dramatische Todesumstände, immer wieder das Bewusstsein überfluten. Zudem hilft diese Neudefinition der Beziehung dabei, offen für neue Bindungen zu sein oder zu werden, positive Aspekte für das Leben danach zu erkennen und sich auf diese einzustellen.

Das Erleben eines Verlustes erfahren viele Menschen immer noch und viel zu häufig als widersprüchlich zu den eigenen Vorstellungen und dem, was die Gesellschaft vermeintlich von ihnen erwartet. Gesellschaftliche Rituale helfen zwar dabei, individuelle Gefühle zu fassen und in sozial akzeptierte Bahnen zu lenken. Doch sie dürfen nicht reglementierend sein und auch nicht Handlungen und Verhalten bewerten oder vorgeben. All das schadet Trauernden grundsätzlich – ein wichtiger Grund, das Wissen über Trauer-Mythen in die Welt zu tragen.

Stephanie Tamm

 

Foto: Pixabay

Quellen:

GEO WISSEN (2013): „Trauer ist der Preis für die Liebe. Ein Psychologe erklärt, warum man dem Schmerz Zeit geben muss.“ Interview mit Hansjörg Znoj. S. 109-113.

Hansjörg Znoj (2015): „Trauer und Trauerbegleitung in der Palliativmedizin. Symptomatologie der Trauer, irreführende Vorstellungen und moderne Mythen.“ ARS MEDICI 1/2015, Rosenfluh Publikationen AG, S. 40-44.

Die Kinder, der Tod und die Trauer

Der Tod eines nahestehenden Menschen gehört zu den ergreifendsten Erfahrungen im Leben eines Kindes. Wie kann man einem Kind in solch einer Situation begegnen? Mit welchen Worten den Tod erklären? Eine Hilfestellung, wie man Kinder unterstützen kann.

Was machen die da mit dem Opa? Wo geht Opa denn nun hin? Und wieso kann Opa mir denn keine Geschichte mehr vorlesen? Kindern fällt es manchmal sehr schwer, die „Welt der Großen“ nachzuvollziehen. So einschneidende Veränderungen wie der Verlust des geliebten Großvaters können viele Fragen aufwerfen und die Erwachsenen vor die Herausforderung stellen, Antworten finden zu müssen.

Das Verständnis vom Tod – eine Frage des Alters

Zunächst ist es wichtig, sich klar zu machen, dass Kinder Tod und Trauer anders erleben als Erwachsene. Je nach Altersstufe gehen sie sehr unterschiedlich damit um – was zuweilen verunsichern und irritieren kann. Damit stellt sich natürlich die Frage: Ab welchem Alter kann ein Kind denn überhaupt begreifen, dass das Leben endlich ist?

Hierauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Allerdings lassen sich folgende Zeitmarker ausmachen – natürlich immer in Abhängigkeit vom individuellen Entwicklungstand des Kindes: Bis etwa drei Jahre haben Kinder noch gar kein Verständnis davon, was der Tod bedeutet. Ab dem späten Kindergarten- und frühen Vorschulalter beginnt meist ein natürliches Interesse am Tod und die Kinder fangen an, eine Vorstellung davon zu entwickeln. Allerdings werden Tod und Schlaf hier meist noch gleichgesetzt, was häufig mit dem Glauben einhergeht, dass der Tod zwar existiert, sie selbst und die engsten Bezugspersonen jedoch nicht davon betroffen sind. Erst ab dem (fortgeschrittenen) Grundschulalter entwickeln Kinder ein Verständnis für den Tod und können dann z. B. auch verschiedene Todesursachen oder ihre eigenen Vorstellungen vom Tod benennen.

Den Tod erklären

Grundsätzlich gilt: Kinder brauchen klare Informationen und haben das Recht, zu erfahren, was wirklich geschehen ist. Sie haben ein beeindruckendes Gespür dafür, wann Erwachsene ihnen etwas verheimlichen oder unzureichende Antworten geben – selbst wenn sie es noch gar nicht so benennen können. Das Alter von etwa vier bis sechs Jahren ist eine günstige Zeit, sich dem Thema zu nähern: Ein Kinderbuch wie „Was ist das, fragt der Frosch“ oder „Leb wohl, lieber Dachs“ sind mögliche Herangehensweisen, den Tod zur Sprache zu bringen. Hilfreich ist aber auch der Vergleich mit den vergehenden Jahreszeiten von Frühjahr bis Winter oder die nicht mehr gegebenen Körperfunktionen (z. B. Herzschlag, Atmung oder Motorik). Geeignete Momente, um Kindern den Tod zu erklären sind zudem eine selbst gestaltete Beerdigung eines gefundenen toten Tieres oder auch des eigenen Haustieres. Wenn dies kind- und altersgerecht erfolgt, macht es den Kindern auch keine Angst.

Beschönigungen oder Umschreibungen wie „Der Opa ist eingeschlafen“ oder „Er ist von uns gegangen“ sollten Sie vermeiden, da sie ganz leicht missverstanden werden können. Stattdessen sollten Sie ankündigen, dass Sie etwas sehr Trauriges zu sagen haben und kurz und knapp erklären: „Dein Opa Helmut ist tot. Er kann Dir keine Geschichten mehr vorlesen.“ So eine Botschaft übermitteln Sie einem Kind am besten an einem Ort und in einer Situation, in der Sie ungestört sind. Mit kurzen, klaren Aussagen erklären Sie den Tod: „Tot sein bedeutet, dass Opas Herz nicht mehr schlägt und er auch nicht mehr atmet. Opa bewegt sich auch nicht mehr, wenn du ihn berührst.“

Je nachdem wie das Kind reagiert sollten Sie nach einer kurzen Pause mit wenigen Worten auch mitteilen, wie es Ihnen selbst mit dem Verlust geht und vor allem was Sie dabei fühlen: „Ich bin sehr sehr traurig darüber, dass Opa gestorben ist und ich habe deshalb auch schon geweint.“ Betroffenheit, Traurigkeit oder eine Aussage wie „Ich selbst kann es noch gar nicht glauben“ oder „Ich werde Opa Helmut sehr vermissen“ dürfen und sollen Kinder erfahren.

Für den einen oder anderen mag das alles ungewohnt klingen. Doch Kinder können viel besser mit klaren und wahren Worten umgehen, als vielfach angenommen. Es schadet ihnen viel eher, wenn sie herausfinden, dass Erwachsene Ihnen gegenüber versuchen, die Wirklichkeit zu verschleiern oder zu verbergen. Natürlich macht der Verlust des Opas einem Kind oftmals Angst. Es dann noch spüren zu lassen, dass Sie ihm nicht die Wahrheit erzählen, lässt es im schlimmsten Fall noch ängstlicher und unsicherer werden.

Die Trauer kommt in Wellen

Ein plötzlicher Wechsel von Traurigkeit zu Aktivität, Spiel und Spaß. Sprunghaftigkeit und wechselnde Gefühlslagen – all das ist denkbar. Kinder trauern nicht in Phasen, sondern in Wellen. Sie brauchen immer mal wieder Ablenkung von ihren verschiedenen Trauergefühlen und verhalten sich völlig normal, wenn sie sich ambivalent zeigen.

Für Erwachsene kann dies irritierend sein und manchmal auch so wirken, als sei der Tod des Opas bereits gut verarbeitet oder als würde das Kind gar nicht trauern. Damit lassen Sie sich schnell täuschen. Wichtig ist, einem Kind seinen Freiraum zu lassen und es nicht dafür zu kritisieren, wie es sich nach außen hin verhält.

„Aktive“ Trauer-Rituale

Schwarz gekleidete Menschen, ernste Gesichter, düstere Stimmung. Und die Frage: „Möchtest Du Dich noch einmal von Deinem Opa verabschieden?“ Dies ist insbesondere für jüngere Kinder viel zu abstrakt. Zudem kann es stark verunsichern und ein Gefühl von Hilflosigkeit auslösen. Deshalb ist gerade für Kinder wichtig, dass sie früh mit einbezogen werden, etwas aktiv tun dürfen und an Trauer-Ritualen teilhaben:

Auf den Besuch in der Kirche oder Abschiedshalle sollten Kinder unbedingt vorbereitet werden. Dabei ist es sinnvoll, sich den entsprechenden Ort zuvor anzusehen und zu klären, wie die Trauerfeierlichkeiten ablaufen werden. Was wird dort geschehen? Wer wird dort sprechen und wer sitzt bei wem? Zudem ist es notwendig, dass das Kind den Ort jederzeit wieder verlassen kann, wenn es das möchte. Außerdem ist es bedeutend, ein Kind von einer Vertrauensperson begleiten zu lassen, die selbst nicht so stark von der Trauer betroffen ist und sich ganz auf die Bedürfnisse des Kindes einlassen kann.

Auch die persönliche Abschiednahme ist für Kinder ein guter Weg, den Tod begreifen zu können. So hilft insbesondere das „Greifen“, also das Berühren des Verstorbenen – solange es aus einem eigenen Impuls entsteht. Manche Kinder wissen nicht, ob sie den Verstorbenen überhaupt anfassen dürfen. Sie sollten unbedingt dazu ermutigt werden, das tun zu dürfen. Wertvoll ist es auch, etwas Persönliches mit in den Sarg oder zur aufgebarten Urne legen zu können: beispielsweise ein selbstgemaltes Bild, ein gebasteltes Geschenk, ein kleiner Brief oder eine eigens gepflückte Blume.

Viele „aktive“ Trauer-Rituale können auch zu Hause stattfinden. Sie können zum Beispiel gemeinsam eine Kerze in Gedenken an den verstorbenen Opa entzünden, Opas Lieblingskuchen backen, Fotos in ein Album kleben oder Erinnerungsstücke in einer kleinen Kiste sammeln, die das Kind jederzeit wieder hervorholen kann, wenn ihm danach ist. Seien Sie hier ruhig kreativ und offen – im besten Fall entwickelt das Kind auch eigene Ideen.

Unterstützung und Hilfe

Trauergefühle sind Ausdruck einer seelischen Verletzung und eine normale Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Insbesondere Kindern sollten Sie das Gefühl geben, dass es normal und völlig in Ordnung ist, wenn sie traurig sind. Neben einem stabilen sozialen Umfeld, das Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, sollten Sie immer wieder aktiv werden: gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge in der Natur, Spielen bei Freunden oder Unternehmungen mit Verwandten. Aktivitäten tun Kindern gut und schaffen zudem die zeitweise notwendige Distanz zum Trauerort – der meist das Zuhause ist.

Manchmal ist es erforderlich, professionelle Hilfe hinzuzuziehen. Gerade wenn es sich um einen plötzlichen Todesfall, um dramatische Todesumstände oder um eine angespannte familiäre Situation handelt, ist dies dringend zu empfehlen. Genauso sollten anhaltende oder sogar zunehmende Symptome wie z. B. deutliche Verhaltensänderung, Verlust der Lebensfreude oder sozialer Rückzug immer als mögliche Warnzeichen ernstgenommen werden, dass das Kind unter der gegebenen Situation leidet.

Auch für Erziehungsberechtigte kann es sinnvoll sein, sich fachlichen Rat zu holen oder sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Der Kinder- oder Hausarzt wie auch der Bestatter des Vertrauens vermitteln entsprechende Stellen und regionale Hospizvereine sowie Hilfsorganisationen bieten häufig auch nicht-therapeutische Trauergruppen oder Trauerbegleitung speziell für Kinder oder trauernde Familien an.

Kinder können einen Verlust und die damit verbundene Trauer meist gut verarbeiten, wenn Sie ihnen empathisch und liebevoll begegnen, sie kindgerecht begleiten und ihnen Hilfe anbieten. Auch in der Trauer gehen sie ihre ganz eigenen Wege – vorausgesetzt wir lassen sie und schenken Ihnen ausreichend Aufmerksamkeit, Verständnis, Geduld und Zeit. Zudem haben sie – im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen – häufig ein viel feineres Gefühl dafür, zu erkennen, was gut für sie ist und was nicht. Darin können und sollten wir viel von ihnen lernen.

Stephanie Tamm

 

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Quellen:

www.novitas-bkk.de/kinderseeleinnot/
www.oliverjunker.de
www.kindertrauer.info
www.kindertrauer-akademie.de

Mit allen Sinnen Abschied nehmen

Bewusster Abschied – kann für jeden Menschen anders aussehen. Doch was bedeutet es eigentlich, sich bewusst von einem Verstorbenen zu verabschieden? Und warum löst der direkte Kontakt mit dem Tot bei vielen Menschen immer noch tiefstes Unbehagen aus?

Kaum etwas bewegt uns so sehr wie die Begegnung mit dem Tod. Doch kaum etwas geschieht auch so verborgen wie das Sterben. Seit der Tod zunehmend in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen eintritt, ist der direkte Kontakt zu einem Verstorbenen immer weiter aus unserem Lebensalltag verschwunden.

Oft sind es das Pflegepersonal, Ärzte, Seelsorger oder die Bestatter, die Berührungspunkte zu einem Leichnam haben und wissen, wie man einem Toten die Augen schließt, ihn richtig bettet oder wie sich ein kalter Körper anfühlt, aus dem das Leben gewichen ist. Damit besitzen sie Erfahrungen und ein Wissen, das in der breiten Bevölkerung weitgehend verloren gegangen ist.

Für viele Menschen ist die Begegnung mit einem Verstorbenen immer noch eine Ausnahmesituation, ganz zu schweigen von der Berührung eines toten Körpers. Das mag in vielerlei Hinsicht damit zu tun haben, dass die Konfrontation mit dem Tod – im Besonderen die Vorstellung vom Anblick eines Verstorbenen – mit großen Ängsten verbunden ist. Die Angst davor, sich in einer ungewohnten Situation ausgeliefert zu fühlen oder hartnäckige Gerüchte über „Leichengift“ lassen viele Menschen davor zurückschrecken, einem verstorbenen Angehörigen zu begegnen, ihn zu berühren, ihn zu versorgen oder offen aufzubahren zu lassen.

Bis in die 1950er Jahre war es ganz normal, dass ein Verstorbener durch seine Angehörigen versorgt und zu Hause oder im Trauerhaus der Gemeinde aufgebahrt wurde. Diese ehemals gängige Praxis ist einerseits fast in Vergessenheit geraten. Andererseits trägt die gegenwärtige Hospizbewegung, das Engagement vieler Bestattungsdienste und das zunehmende Interesse Angehöriger dazu bei, diese aktive Form der Trauerarbeit wieder in die gesellschaftliche Mitte zu rücken.

Sehen und begreifen was geschehen ist

Sich von einem geliebten Menschen verabschieden schmerzt – ganz gleich unter welchen Umständen oder zu welchem Zeitpunkt er gestorben ist. Für die Trauerbewältigung ist es elementar, den Schmerz zuzulassen und zu verstehen, dass der Tod wirklich eingetreten ist, das heißt den Tod überhaupt begreifen zu können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn es sich um einen plötzlichen und unerwarteten Todesfall handelt.

Mit allen Sinnen begreifen zu können, dass jemand nicht mehr lebt, bedeutet, dies nicht nur zu hören, sondern auch mit eigenen Augen zu sehen und im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“, also anzufassen. Wir nehmen Abschied von einem Menschen – die Betonung liegt dabei auf „nehmen“ als einer aktiven, bewussten Tätigkeit.

Die Tradition der Versorgung des Verstorbenen durch Angehörige und im Besonderen die offene Aufbahrung bieten für das BEGREIFEN und ABSCHIED NEHMEN einen würdevollen Rahmen und stellen keineswegs zwangsläufig eine Belastung dar. Vielmehr können diese besonderen Stunden, in denen ein geliebter Mensch verstorben ist, der Körper aber noch unter den Lebenden weilt, äußerst heilsam und eine ganz besondere, individuelle Form des Abschieds sein.

Viele Bestattungsdienste bieten Angehörigen mittlerweile die Möglichkeit, bei der Versorgung des Verstorbenen dabei zu sein oder machen Mut, den Leichnam selbst zu waschen, zu betten, einzucremen oder ihn anzukleiden. Bei einer offenen Aufbahrung hingegen hat jeder die Möglichkeit, sich auf seine eigene Art und Weise zu verabschieden. Dabei sollte grundsätzlich das getan werden, was im Moment der Trauer gut tut:

Man kann sich zu dem Verstorbenen setzen und seine Hand halten oder streicheln. Man kann ihn noch einmal berühren, ihm die Stirn küssen oder ihm noch ein paar persönliche Worte mit auf die Letzte Reise geben. Man kann eine Kerze anzünden, beten, singen, weinen, aber auch schimpfen oder einfach nur mit seinen Lieben zusammensitzen.

Dabei ist es auch hilfreich, mehrmals zu dem Verstorbenen gehen zu können und die natürlichen körperlichen Veränderungen mitzuerleben: Sehen, wie sich die Hautfarbe verändert hat. Spüren, dass der Körper kalt ist. Erkennen, dass der verstorbene Mensch nicht mehr atmet und antwortet.

Häufig besteht immer noch große Unsicherheit, ob die Beteiligung an der Versorgung des Verstorbenen oder eine offene Aufbahrung überhaupt zulässig ist. Zwar bestimmen in Deutschland vielerorts die Bestattungsgesetze den Umgang mit dem Tod und den Toten. Doch vielfach werden die gegebenen Freiheiten gar nicht vollumfänglich genutzt: Angehörige dürfen den Verstorbenen beispielsweise auch vom Krankenhaus oder Pflegeheim zu sich nach Hause bringen lassen, um ihn dort noch bei sich zu haben und umsorgen zu können. Zudem darf ein Leichnam bis zu 36 Stunden zu Hause oder in den entsprechenden Räumlichkeiten des Bestatters aufgebahrt werden.

Oftmals beginnt der eigentliche Prozess der Trauerbewältigung erst einige Zeit nach den Trauerfeierlichkeiten oder der Beisetzung. Der bewusste Abschied von einem geliebten Menschen, eingebettet in einen feierlichen wie auch persönlich festgelegten Rahmen, kann jedoch maßgeblich dazu beitragen, den ganz eigenen „guten“ Weg durch die Zeit der Trauer zu finden.

Stephanie Tamm

 

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Den eigenen Trauerprozess als Heilungsaufgabe begreifen

Trauern ist eine zutiefst menschliche Reaktion auf den Verlust eines Menschen. Doch was tut gut in Zeiten der Trauer? Wie kann man seine Trauer äußern? Und was hilft dabei, die eigene Erinnerung an den Verstorbenen in das eigene Leben zu integrieren?

Auf viele der Fragen rund um den Prozess der Trauer gibt es keine universellen Antworten. Trauer kann sich auf verschiedenste Art und Weise ausdrücken. Dabei gibt es kein Richtig und kein Falsch. Was dem Einen gut tut, kann für den Anderen undenkbar sein. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden, wie er mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen kann. Es gibt jedoch „Strategien“ und „Konzepte“, die Trauernden ein Rüstzeug an die Hand geben, mit der Trauer leben zu lernen und auch wieder aus ihr heraus zu finden.

Unterstützung bietet zum Beispiel das Konzept der „Trauer-Aufgaben“ des amerikanischen Psychotherapeuten J. William Worden, der den Prozess der Trauer mit dem körperlichen Heilungsprozess nach einer Krankheit (Trauer braucht Zeit) und mit dem Wachstumsprozess eines Kindes (Trauer fördert neue Fähigkeiten) vergleicht. Trauer macht es erforderlich, sich mit der Verlusterfahrung und den eigenen Gedanken zu konfrontieren und die veränderte Welt – ohne den geliebten Verstorbenen – neu zu strukturieren.

Vier „Trauer-Aufgaben“

Oftmals hilft es trauernden Menschen, wenn sie begreifen, was sie selbst aktiv dafür tun können, die Zeit der Trauer besser zu überstehen. In diesem Sinne liegt dem Trauermodell nach Worden die Ansicht zugrunde, dass der Prozess der Trauer aus vier elementaren Aufgaben besteht, die der Trauernde zu bewältigen hat:

Anfangs geht es darum, den Verlust eines geliebten Menschen überhaupt zu begreifen und als Realität zu akzeptieren. Erst wenn einem bewusst ist, dass die betreffende Person nicht nur vorübergehend „abwesend“, sondern tatsächlich tot ist, kann die Trauerarbeit beginnen.

Dann geht es darum, den Verlustschmerz zuzulassen, der sich häufig in zwiespältigen Gefühlen äußert – und das über einen unbestimmten Zeitraum. Trauer kann neben der buchstäblichen Traurigkeit nämlich ganz unterschiedliche Gefühle hervorrufen: Wut, Ärger oder Angst. Aber auch Erleichterung, Sehnsucht oder Begehren und viele mehr. Dabei benötigen all diese Gefühle Ihren Platz. Ambivalenz ist hier „normal“ – und auch, dass innerhalb der Familie, des Freundes- oder Bekanntenkreises alle unterschiedliche Gefühle zu verschiedenen Zeiten haben können. Wichtig ist, von anderen nicht zu erwarten, dass sie das Gleiche fühlen, wie man selbst.

Die dritte wichtige Aufgabe besteht darin, zu lernen, sich an eine Welt ohne den Verstorbenen zu gewöhnen – sich in einem völlig veränderten Leben zurechtzufinden. Trauernde fühlen sich manchmal bodenlos, wissen nicht, wie das Leben ohne die betreffende Person weitergehen kann. Das rührt vielfach daher, dass erst viel später klar wird, welche Rollen der Verstorbene inne hatte oder welche Aufgaben er erfüllte. Arbeiten müssen dann neu verteilt, Rituale überdacht oder gar die Wohnung ausgeräumt werden.

Was kann also dabei helfen, sich selbst auf einen neuen Lebensabschnitt einzulassen und dem Verstorbenen einen bestimmten Ort darin zuzuweisen? Darin besteht die letzte der vier „Trauer-Aufgaben“ nach Worden: Wenn akzeptiert wird, dass der Verstorbene wirklich tot ist, kann ihm ein neuer „Platz“ zugewiesen werden. Er sitzt dann nicht mehr wie sonst auf der Veranda in seinem Schaukelstuhl oder kocht die leckere Lasagne, die immer zusammen mit den Kindern verspeist wurde. Stattdessen wird die geliebte Person emotional neu „verortet“ und damit an einem neuen Ort vorstellbar – im eigenen Herzen, im Foto auf dem Kamin, auf dem Friedhof an der großen Eiche oder gar im Himmel.

Dieser Platz kann ganz individuell sein und sich auch wieder ändern. Wichtig ist nur, dass es ein Platz ist, den man (gedanklich) besuchen und auch wieder verlassen kann.

Trauer ist ambivalent – und positiv beeinflussbar

In Zeiten der Trauer sind viele Gefühlsreaktionen unvorhersehbar. Wichtig ist hierbei das Wissen um diese Ambivalenz und die Auseinandersetzung damit im Sinne einer Selbstreflexion: Wie beeinflusst der Tod des geliebten Menschen den eigenen Lebensalltag, das Selbstbewusstsein, die eigenen Werte oder Glaubensvorstellungen?

Es braucht häufig Zeit und Geduld, doch der Trauerprozess kann helfen, herauszufinden, was einen wirklich ausmacht und wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen – abgekoppelt vom vorherigen Leben mit dem Verstorbenen.

Daraus können ganz neue Erkenntnisse erwachsen: Was beispielsweise konkret getan werden kann, um die eigene Entwicklung zu fördern. Wie man einen selbstständigen Lebensweg findet, sei es durch eine Ablösung von „alten“ Gewohnheiten mit dem Verstorbenen oder durch die Übernahme einer Aufgabe, die sonst der Verstorbene innehatte.

Auch unabhängig vom Trauermodell nach Worden spielen Aspekte immer eine wichtige Rolle, die den Trauerprozess positiv beeinflussen: ein stabiles Selbstwertgefühl, ein geregelter Tagesablauf, Rückzugsmöglichkeiten und ein gutes soziales Umfeld, in dem Gespräche mit Familie oder Freunden möglich sind. Nicht zuletzt eine persönliche Einstellung zum Leben, die Halt gibt – sei es der Glaube an Gott, an die eigene Spiritualität oder an ein bestimmtes Lebensmotto.

Im besten Fall kann die Verlusterfahrung zur persönlichen Weiterentwicklung genutzt werden, in der die Erinnerung an die verstorbene Person ihren festen Platz besitzt, ohne zu viel Raum im Lebensalltag des Trauernden einzunehmen.

Stephanie Tamm

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Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung (BAT)

Wie mit Trauernden umgehen?

Im Umgang mit Trauernden herrscht oft große Unsicherheit: Was soll man sagen? Darf man fragen, wie es der trauernden Person geht? Oder sollte man das Thema lieber meiden? Und was ist zu tun, wenn von dem Verstorbenen erzählt wird? Eine Hilfestellung.

„Herzliches Beileid“ als Ausdruck offener Anteilnahme – oder wie kann man sonst seine Betroffenheit zum Ausdruck bringen? Das ist in der Tat nicht einfach, denn sein Beileid bekunden erfordert auch immer Feingefühl.

Wenn ein Bekannter, Verwandter oder Freund um jemanden trauert, wissen viele Menschen nicht, wie sie mit dem Trauernden umgehen sollen. Was tun und was äußern? Manche Menschen sind so sehr verunsichert, dass sie lieber gar nichts sagen oder der betroffenen Person einfach aus dem Weg gehen – nicht etwa aus Bosheit, sondern häufig vielmehr aus Hilflosigkeit und der Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

Natürlich gibt es keine Patentlösung für DIE richtigen Worte oder DAS richtige Verhalten. Doch es gibt einige Dinge, die es besser zu vermeiden gilt und einiges, was stattdessen sinnvoll ist:

Die passenden Worte finden und Unterstützung anbieten

Insbesondere bei der ersten Begegnung mit Trauernden kann es schwer fallen, die richtigen Worte zu finden. Wenn Sie unsicher sind und nicht wissen, wie Sie ihre Anteilnahme ausdrücken sollen, dann können Sie genau das auch sagen. Allerdings sollten Sie Floskeln wie „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Du muss jetzt stark sein“ oder „Ich weiß genau, wie es Dir jetzt geht“ lieber vermeiden. Hilfreicher sind ehrlich gemeinte Sätze wie: „Sein Tod geht mir auch sehr nahe. Ich möchte Dir gerne helfen, weiß aber nicht wie. Sag mir, was ich für Dich tun kann“. Auch wenn Ihre Worte nicht perfekt sind, wird Ihre aufrichtige Anteilnahme ankommen.

Trauernde brauchen gerade Menschen, die aushalten können, dass sie traurig sind und ihnen auch das Gefühl geben, dass sie traurig sein dürfen. Bedauert zu werden vermittelt niemanden ein gutes Gefühl und wirkt eher „klein machend“ anstatt zu stärken. Statt zu bemitleiden, ist es daher sinnvoll, lieber Mitgefühl zu zeigen und seine Unterstützung anzubieten. Überlegen Sie, was Ihr Freund, Verwandter oder Bekannter sonst gerne tut. Trauernde sind oftmals erleichtert, wenn Sie vorschlagen, gemeinsam etwas zu unternehmen.

Manchmal sind Trauernde auch wie gelähmt und zeitweise nicht in der Lage, die simpelsten Dinge zu regeln. Sie können dann Ihre praktische Hilfe anbieten: Schlagen Sie vor, etwas zusammen anzugehen oder erklären Sie sich bereit, den Papierkram zu erledigen oder den Hund auszuführen. Manchmal sind auch schon viel elementarere Dinge hilfreich – den Einkauf besorgen, etwas Kochen oder einen gemeinsamen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen.

Bewusstes Erinnern und Kontakt halten

Auch wenn es Außenstehende zuweilen verunsichert – Trauernde möchten häufig von ihrem geliebten Menschen erzählen. Trauer braucht ihren Platz und das eben auch in der Sprache. Daher tut es vielen Betroffenen gut, wenn andere sich offen zeigen und von ihren eigenen Erinnerungen an den Verstorbenen erzählen. Solche persönlichen Geschichten, Fotos, Videos oder auch alle anderen denkbaren Erinnerungsstücke sind für Trauernde ein wertvoller Erinnerungsschatz – und das oft das ganze Leben lang. Daher tut es gut zu wissen, wie sehr auch andere den Verstorbenen geschätzt haben und was sie mit ihm erleben durften.

Aufrichtige Anteilnahme und herzliche Fürsorge sollte nach der Beisetzung nicht enden. Halten Sie Kontakt zu Ihrem betroffenen Freund oder Bekannten. Fragen Sie vorsichtig nach, wenn Sie länger nichts von ihm gehört haben, verabreden Sie sich zu einem Treffen oder schreiben Sie eine nette E-Mail oder schöne Karte zu bestimmten Anlässen.

Trauer ist schwerste körperliche und seelische Arbeit. Den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen auszuhalten ist ungemein kräftezehrend und erschöpfend. Lassen Sie sich also nicht entmutigen, wenn Ihre Einladung nicht gleich angenommen wird. Haben Sie etwas Geduld mit Ihrem Gegenüber. Zuweilen braucht es etwas Zeit, bis der Trauernde sich nach außen hin öffnet. Nehmen Sie Absagen also nicht persönlich.

Natürlich sind alle Menschen unterschiedlich in ihren Reaktionen und in ihrem Erleben von Trauer. Auch existieren die verschiedensten Mittel und Wege Trauer zu bewältigen. Jeder Trauernde muss jedoch seinen eigenen Weg gehen und vielleicht auch erst herausfinden, was ihm gut tut. Und das erfordert immer etwas Zeit und vor allem Geduld.

Wenn Sie absolut nicht sicher sind, was Sie sagen können oder ob sie das Richtige tun – dann fragen Sie den Betreffenden doch einfach mal. Er wird ihnen antworten und sagen, was er empfindet und benötigt.

Stephanie Tamm

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Besser sterben. Aber wie?

Die Bevölkerung in Deutschland ist zunehmend überaltert. Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahre 2016 circa 911.000 Menschen. Befassen sich die Deutschen mit dem Tod? Wie und wo wollen wir sterben? Was können wir tun – für ein besseres Sterben?

Den eigenen Tod können wir nur wenig bis gar nicht beeinflussen. Er betrifft uns alle und wird uns totsicher begegnen. Dem einen früher. Dem anderen später. Doch auch wenn wir den Zeitpunkt und die Art unseres Todes nicht selbst in der Hand haben, so bestimmen wir eines ganz wesentlich: Die Stimmung, in der wir uns aus dem Leben verabschieden.

Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband e.V. (DHPV) konnte bereits 2012 mit einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage mit über 1.000 Deutschen aufzeigen, dass das Sterben und der Tod durchaus kein absolutes Tabu mehr sind. Bei nahezu jedem zweiten Befragten spielen Sterben und Tod im persönlichen Umfeld eine große bis sehr große Rolle. Sogar mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer machen sich häufig Gedanken über das eigene Sterben.

Die Menschen in Deutschland sind in ihrem Lebensalltag also direkt mit dem Tod konfrontiert. Jeder Einzelne macht dabei seine ganz eigenen Erfahrungen. Allerdings empfinden knapp 60% der Befragten, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema bei Weitem nicht ausreichend ist – zu wenig werde öffentlich darüber gesprochen.

Das Thema Tod wirft schnell weitere Fragen auf: Wo wollen wir sterben? Und wie wollen wir sterben? Die Antwort auf das „Wo?“ wird besonders im Hospiz- und Palliativwesen bereits seit vielen Jahren als Erfahrungswissen weitergegeben: Zu Hause. Fast 70% der Deutschen, die sich bereits über ihr eigenes Sterben Gedanken gemacht haben, möchten nur eines – zu Hause friedlich die Augen schließen. Weit mehr als jeder Zweite hofft auf so etwas wie den „berühmten“ (vorzugsweise schmerzlosen) Herzinfarkt im geliebten Wohnzimmersessel. Oder auf ein sanftes Einschlafen im Kreis der Lieben.

Doch diese Idealvorstellungen werden selten Realität: Weit über 40% der Menschen in der Bundesrepublik sterben in Krankenhäusern. Rund 30% in stationären Pflegeeinrichtungen. Und nur ca. 25% tatsächlich zu Hause. Summa summarum scheidet nicht mal jeder 20. auf die Schnelle aus dem Leben.

Eigenverantwortung? Am Ende erst recht

Im Ganzen erfahren 95% der Deutschen einen bewussten Sterbeprozess. Einen Sterbeprozess, der weit entfernt ist von der Vorstellung, selig einzuschlafen. Da niemand von uns weiß, wann genau seine Stunde kommen wird, lohnt es sich, sich frühzeitig über die eigene Endlichkeit klar zu werden:

Neben allen möglichen formellen Absicherungen wie Vollmachten oder Vorsorgeverträgen gibt es tatsächlich einiges, was wir selbst (für uns) tun können – und das in allen denkbaren Lebenslagen. Sich bewusst mit dem Sterben auseinandersetzen. Wozu? Um es sich selbst und seinen Lieben am Ende etwas leichter zu machen. Kurz gesagt: Um besser zu sterben.

Sich über den Fall der Fälle mit der Familie auszutauschen gibt nicht nur Sicherheit, sondern kann uns selbst, unseren Lieben oder unseren Hinterbliebenen auch Trost spenden. Wenn Gewissheit darüber herrscht, was jemand am Lebensende wirklich möchte und wünscht, fallen alle weiteren Entscheidungen wesentlich leichter. Dazu ist das „Wissen, was zu tun ist“ ein immer noch unterschätzter Teil der Problembewältigung, Gefühlsverarbeitung und Trauerarbeit.

Keiner sollte vom eigenen Leben erwarten, alles Vorstellbare erlebt und getan zu haben. Auch die realistische Einschätzung dessen, was in der eigenen Vergangenheit zu bestimmten Zeiten möglich war – oder auch nicht – verhindert vielfach das belastende Gefühl, etwas verpasst zu haben. Zudem bestätigen Hospizmitarbeiter, Psychologen und Sterbebegleiter: Es ist äußerst heilsam, Zwischenbilanzen zu ziehen. Zu bestimmten Jahrestagen oder zum eigenen Geburtstag. Wie sieht mein derzeitiges Leben aus? Wo wollte ich eigentlich hin? Kann ich mit meinem Leben nicht auch völlig zufrieden sein, wie es war und ist? Dies helfe, realistischer auf die eigene Biografie zu schauen und möglicherweise „Kurskorrekturen“ vorzunehmen. Dazu gehört es vor allem auch, zwischenmenschliche oder innerfamiliäre Streitigkeiten beizulegen.

Von zentraler Bedeutung für eine friedliche Gemütslage am Lebensende: Anstelle des „mehr Wollens“ ein ruhiges „Genug“ setzen. Dies kann unglaublich zufrieden machen. Überdies müssen wir uns im Leben ständig von allem Möglichen verabschieden. Von Ideen, Vorstellungen, Gedanken, Träumen, Gefühlen, Wünschen etc. Da wäre es doch sinnvoll, sich auch von Emotionen wie Ärger, Neid, Wut oder gar Hass endgültig zu trennen.

Der Schlüssel dazu? Akzeptanz. Wenn wir das akzeptieren können, was sich in unserer Vergangenheit ereignete und in der Gegenwart geschieht – und auch das akzeptieren können, was sich in unserer Vergangenheit nicht ereignete und gegenwärtig vielleicht nicht mehr geschehen kann.

Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir Frieden mit dem eigenen Leben schließen können. Das können wir nur selbst. Es liegt zum großen Teil in unserer eigenen Verantwortung, in einer zufriedenen und friedlichen Stimmung zu gehen.

Stephanie Tamm

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